Im Laufe der Jahre kochte sie ihrem Mann einen üppigen Wanst an und quasselte ihm die Eier ab. Und dann machte sie sich über ihn lustig. Von ihm hörte man in dieser Angelegenheit nur wenig bis gar nichts.
Die ergrauten und reichlich ausgedünnten Haare trug er immer noch lang, die alte Lederjacke hatte er auch noch und am Bierstand auf der Dorfkirmes mimte er vor den anderen wieder mal den glücklichen, gewieften Junggesellen.
Wenn überhaupt las er Biografien. Von Berühmtheiten, von bedeutenden Künstlern, Musikern, Schauspielern. Dabei suchte er nach Parallelen zu sich und seinem Leben. Und irgendwas fand er immer, immer war da was – keine Frage, er gehörte dazu, es war nur eine Frage der Zeit.
Jeden Morgen beobachtete er, wie seine arbeitslose Nachbarin statt wie er zur Arbeit entspannt mit ihrem Hund rausging. Und jedes Mal spürte er diese Wut, diesen Hass. Nun verhielt es sich allerdings so, dass ihn sein Leben bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit so wütend machte.
Er hatte durch einen glücklichen Umstand einen gewissen Reichtum erlangt, neigte zur Prahlerei und zur Arroganz. Und er wohnte und lebte immer noch hier bei uns, hier im Dorf, und das sollte ihm schon bald das Genick brechen.
Jeden Freitag zum Kaffeetrinken durchblättert er seit Jahren die neue Hörzu. Nur noch Wiederholungen, sagt er dann, immer das Gleiche, sagt er – jedes Mal, jeden Freitag, immer zwischen 16:00 und 16:30 Uhr.
Er war aktiv, sein Leben lang, hatte gearbeitet, wenn nicht auf Arbeit, dann zuhaus'; immerzu gearbeitet. Und nur das hatte ihm, wie er's auszudrücken pflegte, den Arsch gerettet. Es hatte ihn immerzu abgelenkt und nur so gings, nur so war ihm 's Leben möglich gewesen.
Längst hatte er sich in einen routinierten Alltag zurückgezogen. Seinem Leben, wie es eine Bekannte ihm kürzlich riet, nochmal Leben einzuhauchen, erschien ihm abwegig, albern, hatte er doch schon längst genug vom Leben. Dem Trubel. Dem ganzen faulen Zauber.
Imagefantasien angesichts einer Hose, einer Jacke, eines T-Shirts; das Leben verpackt in Einkaufstüten.