Sonntag, 26. April 2026

 Die Vorsichtigen und Zaghaften, die Behutsamen, die Bedächtigen, die sollten mal überall mehr den Ton angeben. – Nur nicht in der Kunst, da bitte nicht, da braucht es dringend die anderen.


Er machte sich keine Illusionen mehr, keine albernen Hoffnungen. Eine gewaltige, ungeheuerliche Gleichgültigkeit, das war es, was er im großen Ganzen vernahm und woran er noch glaubte. Und womit er nun leichten Schritts vor die Tür ging und seinen täglichen Kram erledigte.


Sie war neu in dem Job, ihr erster Tag an der Kasse, war gut gelaunt, fröhlich, machte gegenüber den Kunden eine witzig gemeinte Bemerkung nach der anderen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie an den Falschen geriet.


Er war da zufällig reingeraten und musste jetzt von Tür zu Tür gehen, den Leuten was andrehen, was sie nicht brauchten, nicht wollten. Und schon nach der fünften Tür fand er Gefallen daran. Es war nicht so, dass er die Menschen verachtete, sie waren ihm eher vollkommen egal. 


In seinen 20ern war er auf Brautschau, zog durch die Discos, die Clubs, die Bars. Soff sich die Hucke voll. Die Frauen ließen sich von ihm nicht so recht überzeugen und so soff er sich dann ab Anfang 30 einfach zu Hause entspannt und ganz in Ruhe die Hucke voll.


Vor anderen schwärmen sie von ihren Opernbesuchen, ihren Reisen, den Lokalbesuchen bei angesagten Sterneköchen. Sie merken es ja beide selbst, mit der Schwärmerei reden sie sich ihr Leben schön, reden sie es sich bedeutsam. Sie wissen es, aber es darf nicht sein.

Sonntag, 19. April 2026

 Morgens um 8 vorm REWE hatte er die erste Bierdose am Hals. Die Menschen mochten ihn nicht und er mochte die Menschen nicht. Einige Zeit hatte er gelebt wie sie, mit Kraftfahrzeug und Festanstellung. Aber auch da mochte er die Menschen schon nicht.


Nun, er wusste, wovon er sprach und konnte sich kurz fassen. Das war unüblich in der Branche. Und erfrischend. Eine üble Provokation.


Bei der Arbeit – insbesondere bei den Meetings, den Präsentationen, dem eitlen Getue – fühlt er sich mehr und mehr wie ein renitenter 12jähriger, der von den Eltern zum Sonntagsausflug herausgeputzt und mitgeschleift wird.


Die Freude, die er als Kind und auch noch als junger Mann erlebt hatte und er sich immer noch ersehnte, gab es aber nicht mehr. Es gab nur noch die Freude, Hindernisse zu überwinden oder Probleme zu lösen. Und dafür musste er arbeiten, es half alles nichts, er musste arbeiten.


Der Feierabend war ihm nun das Entscheidende am Arbeitstag und die Zeit bis dahin verkürzte er sich mittels der Arbeit. Und der naive Ehrgeiz der jungen Kollegen sorgte darüber hinaus für Erheiterung – so sollte es klappen, so sollte er die restlichen Jahre auch noch rumkriegen.


Bei der Arbeit konnten sie ihm alle mal am Arsch lecken. Und zu Hause auch. Das hatte sich so ergeben bei ihm, nach und nach so ergeben.


Sie redete und redete. Tiefer und tiefer redete sie sich in ihr Gerede hinein. Und jeden Tag war es wieder was anderes und dann doch immer das Gleiche.


Den Großteil des Lebens verbrachte er mit einer Arbeit, die ihm nie gefiel, und in einer Familie, deren Gründung er schon nach kurzer Zeit bitter bereut hatte. Sein Bruder war da ganz anders, ein Lebemann, ein Künstler, und dem ging es dann im Alter sogar noch dreckiger als ihm.

Sonntag, 12. April 2026

 Seine restlichen Jahre schmolzen dahin, verbrachte er in Routinen, in einem Alltag, den er sich so nie gewünscht, nie ausgesucht hatte, der sich eingeschlichen hatte, selbstverständlich wurde, gegen den er nicht mehr ankam. Der von Anfang an auf ihn gewartet hatte.


Alle zwei Tage rief er seine betagte Mutter an. Sie hatte nichts Neues zu berichten, sprach aber ohne Punkt und Komma, erzählte, bis ihre Stimme nicht mehr mitmachte. Und wenn sie dann auflegte, spürte er jedes Mal ihre unausgesprochene Bitte, er möge doch jeden Tag anrufen.


Er hatte keine Kraft mehr, keinen Nerv, kapitulierte vor den Lärmenden, den Nervensägen, den Asozialen, zog sich zurück, ließ sie machen. Sollten sie sehen, wie sie klarkommen, sollten sie sich gegenseitig das Leben schwer machen, sich belügen, sich angiften, er hatte genug.


Aufgeregt und siegessicher rannte er durchs Leben, jahrzehntelang, schnurstracks ins Nichts.


Suchtgier, Besessenheit – für den kurzen Kick, Glückssuche ins Unglück. Dass es auch hier die limitierten Sneaker schon nicht mehr in seiner Größe gab, machte ihn rasend.


Unfähig zur Höflichkeit polterte er durchs Leben, gefangen in Egozentrik, Empörung und Wut; zeitlebens ein Kind.

Montag, 6. April 2026

 Er hatte nichts, was ihn wirklich interessierte, was ihn wirklich beschäftigte. Allerdings las er die Tageszeitung, jeden Morgen, so konnte er dann mitreden bei den Arbeitskollegen. Und den Bekannten. Um nicht aufzufallen mit seiner gänzlichen Interessenlosigkeit.


Sie machte oft Apfelkuchen, der gelang ihr gut. Von allen Kuchen gelang ihr der am besten. Auch er lobte ihren Apfelkuchen, ihrer sei der beste. Obwohl er ihn kaum mochte. Apfelkuchen mochte er generell nicht besonders. So war das bei ihnen, so verbrachten sie ihre Ehejahre.


Sie sehnte sich nach beruhigenden Gesprächen und beruhigenden Gedanken und sorgte Tag für Tag für das Gegenteil.


Nicht einmal des Geldes wegen tun sie's. Nein, sie sind gut situiert. Satt. Überfressen geradezu. Aus Eitelkeit tun sie's, tatsächlich aus Eitelkeit und vielleicht noch aus Langeweile. Und hoffen dann auf einen enthusiastischen Artikel im Kulturteil der Lokalzeitung.


Im hohen Alter ahnte er dann aber, dass das weitaus meiste Lachen wie auch der meiste Beifall ihm doch in Wahrheit aus Höflichkeit oder gar Verlegenheit entgegengebracht worden war.


Wie er als Erwachsener immer noch Spaß haben wollte, endete das stets in Albernheit, in einem Witz. Bestenfalls lachte er dann über sich selbst.


Wenn man ihn befragte, sagte er immer, dass er keine Meinung dazu hätte. Meistens stimmte das auch und hatte er doch mal eine, behielt er sie für sich. Der Umgang mit Meinungen gefiel ihm nicht, in der Beziehung hatten die Menschen sie nicht mehr alle, waren unberechenbar.


Sein Reden war gewöhnlich und sein Denken selbstbezogen. All seine Überlegungen und Überzeugungen zielten letztlich auf irgendeinen persönlichen Vorteil ab; für ihn und auch sein Umfeld das Normalste der Welt, eine Selbstverständlichkeit, so banal wie monströs.


Man sah es ihm nicht gerade an, aber er empfand immer noch Freude. Eine resignative Freude, eine, die ihn nicht zum Narren machte, ihn nicht erregte, ihn nicht aus seiner Stille lockte.


Mit seinem Versagen und seiner Unzufriedenheit gediehen seine Empfindlichkeiten. Abstruse Kleinigkeiten nagten an seinen Nerven, trieben ihn regelmäßig zur Weißglut. Er wusste ja selbst, was da vor sich ging, was mit ihm los war, das machte ihn ja so wütend.