Scheidung kam für sie beide nicht in Frage, wegen der Leute. Und so blieben sie vereint; in Gezänk, kleingeistiger Rechthaberei und stetig wachsender Aversion.
Sie überlebte ihn, um viele Jahre, sah sich als Gewinnerin.
Ja, manchmal – sogar häufiger als man glaubt – da passt es einfach; da ist dann jemand doch tatsächlich innerlich genau so abstoßend wie äußerlich.
Er hörte es gern, wenn sich das Pärchen in der Wohnung nebenan stritt und anschrie. Sie gingen ihm oft genug mit ihrem Gepolter und dem aufgedrehten Fernseher auf die Nerven, da war es nur gerecht, dass sie ihn auch mal unterhielten, ihm was boten, ihn mitnahmen.
Gegenüber seinen Mitmenschen war er gehässig und gutmütig zugleich, gehässig in Gedanken und doch gutmütig im Handeln. Und das erlebte er als das Normalste der Welt, dachte da auch nie groß drüber nach, den anderen ging's ja doch genauso.
Er hatte studiert, irgendeine geisteswissenschaftliche Nutzlosigkeit, und war nun da gelandet. Produktionshelfer. Inmitten von Malochern, die ihn verhöhnten. Und jetzt saß er in seiner 1-Zimmer-Wohnung, betrunken, und starrte auf sein BILLY-Regal mit all den Fachbüchern drin.
Bei jeder Gelegenheit glaubte er witzig sein zu müssen und trat dabei von einem Fettnäpfen ins nächste, verscherzte es sich früher oder später mit jedem. Dabei meinte er es niemals böse oder zynisch, er wusste sich einfach nur nicht anders zu helfen.
Er hat immer noch die Sauferei und die anderen Eskapaden seiner Jugendjahre im Hinterkopf. Alles, was danach kam, erscheint ihm fad, vernünftig, bedeutungslos. Nun, es gibt kein Zurück, aber seine Trantütenexistenz jetzt all die Jahre schon: Ist das jetzt die Endstation?
Seit nun etwa drei Jahren war er weg von der Flasche, trank er nur noch aus Dosen.
Manchmal fielen ihm plötzlich die Namen von alten Bekannten ein, an die er schon jahrelang nicht mehr gedacht hatte, und dann googelte er, was aus denen geworden war. Am besten waren diese LinkedIn-Profile, die amüsierten ihn jedes Mal, gaben ihm grundsätzlich ein gutes Gefühl.
Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass er zugleich mit der altersbedingten Eintrübung seiner Augen einen immer klarer werdenden Blick entwickelte, mehr sah, mehr erkannte. Was die zunehmende Müdigkeit in ihm aber auch nicht aufhielt, eher noch förderte.
Seit vielen Jahren isses bei ihm aber bei allem nicht mehr wirklich ein "Na, dann will ich mal", immer nur noch mehr so ein "Na, dann muss ich wohl". – Aber vielleicht verkehrt sich das dann ja wieder auf'm Sterbebett.