Sonntag, 5. September 2021

 Seine Wortwahl war elitär, seine Gedanken gewöhnlich. Sein Erfolg nichts wert.


Hinter seinem endlosen Geschwafel verbarg er seine Disziplinlosigkeit, Faulheit und Inkonsequenz. Sich selbst beschrieb er als kommunikativ und spirituell, als einen "Suchenden". Seine Kumpels vorm Netto lachten ihn aus, mochten ihn aber auch irgendwie.


Beim morgendlichen Brötchenholen weicht Gerda W. mit ihrem Rollator wieder mal den Scherben und Erbrochenem der letzten Nacht aus. Der Stadtteil, in dem sie seit knapp 40 Jahren in ihrer 3-Zimmer-Whg. wohnt, sei jetzt "hip" geworden, hat man ihr erklärt.


Jetzt, wo das Unternehmenslogo auch noch groß auf dem Rücken gedruckt war, erkannten die Kund:innen ihn auch von hinten und quatschten ihn an. Er hatte noch 23 Jahre, 4 Monate und 17 Tage bis zur Rente und dem Unternehmen ging es gut.


Möhrenkauen, Bonbonzerknirschen, Tütengeraschel, das Hochziehen von Nasenrotz und was Menschen sich sonst noch so alles trotz Anwesenheit anderer Menschen nicht verkneifen können: Öffentliche Verkehrsmittel sind sinnvoll, haben aber ihre Schwächen.


Übersteigen die Zumutungen bei der Arbeit wieder mal das Maß des Erträglichen, stellt er sich vor, auf hoher See mit einbetonierten Füßen von einem Boot geworfen zu werden. So schätzt er sich glücklich, einfach nur ein- und ausatmen zu dürfen und dann atmet er ein und aus.


Sein stoisches Gemüt verlieh auch seinem Körper Widerstandskraft und Robustheit. Ihm war das gar nicht bewusst, über so was machte er sich keine Gedanken und sein Körper dankte es ihm.


Seine ewig missmutige und intrigante Nachbarin hat gerade Sex und durchs offene Fenster hört er, wie sie stöhnt und brüllt, und auch jetzt glaubt er ihr kein Wort.


Irgendwann bedeutete Biertrinken für ihn nur noch Stumpfsinn und Harndrang. Er musste sich was einfallen lassen.  - Wodka fiel ihm ein.


Mit den Worten "Der Morgenschiss, der kommt gewiss!" verließ sie hastig das gemeinsame Frühstück. Es hat mal eine Zeit gegeben, da gefiel ihm gerade diese unorthodoxe Unverblümtheit ihrer proletarischen Herkunft. Seine Eltern hatten ihn gewarnt.


Bernard Clemmens steht mit seinem Dauerfurz von 2 Minuten und 42 Sekunden im Guinness Buch der Rekorde. Ich stelle ihn mir als glücklichen Menschen vor, nicht wegen des Guinness Buchs, aber 2 Minuten und 42 Sekunden! Am Stück!


Mit Mitte 40 hatte er all seine Lebensziele erreicht und sie entpuppten sich als Sackgasse. Er wurde schwermütig und sein Schwiegervater riet ihm zu einem Hobby: Modellbau, das sei auch nicht so teuer.


Jetzt sitzt er neben seinem neuen Weber-Grill auf der Terrasse seiner Reihenhaushälfte, seine Frau macht in der Küche den Salat, die Tochter ist bei den Schwiegereltern und plötzlich wird ihm klar, dass er aus der ganzen Nummer hier wohl nie wieder rauskommen wird.


Damals hatte er sich Flammen auf beide Unterarme tätowieren lassen. Vielleicht um auszudrücken, dass er ein heißer Typ war. Und auch irgendwie rasant. So genau wusste er das aber auch nicht mehr.

Sonntag, 29. August 2021

 Schon der breitbeinige Gang verriet seine schmalspurige Gedankenwelt, der üppige Goldschmuck seine Armut.


Der junge Mann brüllt jetzt zum fünften Mal "EY, WILLST DU MICH VERARSCHEN?" ins Telefon, so dass inzwischen allen anwesenden Cafébesuchern klar sein dürfte, dass er kein Mann ist, den man leicht zum Narren halten kann.


Die überdachte Raucherecke mit dem Sperrmülltisch und den Plastikstühlen ist für ihn der schönste und bequemste Platz der ganzen Firma; sein neuer ergonomischer HighTech-Stuhl im Büro ist ein affiger Scheiß dagegen.


Und als dann Betroffenheitsbekundungen aller Art sich im Smalltalk mehr und mehr etablierten, ja, Betroffenheit ein Must-have für alle Gelegenheiten wurde, war Sören N. endlich in seinem Element, endlich stand er bei den Partys nicht mehr im Abseits.


Auch für einen Job mit Warnweste ist er sich nicht zu schade. Selbstverständlich nur, wenn sie jedes Mal fabrikneu und die Krawatte darunter auf den Pressefotos klar zu erkennen ist.


Erst wurde ihre Anwesenheit selbstverständlich, dann lästig und er gab sich keine Mühe mehr, ließ beim Scheißen die Klotür offen. Sie empfand und verhielt sich im Grunde genauso. War Besuch da, rissen sie sich zusammen, ihre Kinder waren jetzt 8 und 11.


Sein Vater hatte immer leidenschaftlich gern gekegelt und auch Bernd 'Börni' N. begeisterte sich für Sport, wenn da 'ne Kneipe drum herum gebaut war; 'ne ganze Zeit lang war er im Kiez 'ne ziemlich große Nummer am Tischkicker.


Das Wort Liebe kam ihm allzu leichtfertig von den Lippen und auch sonst machte er einen recht schmierlappigen Eindruck.


Betrunken hat er wüste Gedanken, nüchtern helfen die ihm auch nicht weiter, dennoch hat er sie gern, seine wüsten Gedanken.

Mittwoch, 18. August 2021

 Überfordert, gescheitert und frustriert kaufte er sich ein Samuraischwert, platzierte es an der Wand über dem Ecksofa und träumte von Kampf, Ehre und Barbarei.


In meiner Kindheit war der Sonntag der Familienausflugstag, in meiner Sturm und Drang Phase der Ausnüchterungstag und jetzt ist er der "Was ist nur aus mir geworden?"-Tag.


Der gänzlich unbemalte und unbeschriftete junge Mann am Pool fiel ihr gleich ins Auge. Tätowiert war inzwischen ja Hinz und Kunz.


Seine Bürokollegin und Vorgesetzte ist nach eigener Aussage eine dauergestresste Stress-Esserin. Sie hat immer eine Nussmischung und knackiges Obst griffbereit. Manchmal schlürft sie auch einen Pfirsich.


Und gestern hat er die noch bis zu seiner Rente vor ihm liegenden Arbeitsstunden ausgerechnet, auf der Firmentoilette sitzend, ohne Taschenrechner, mit leergeräumtem Blick.


Und jeden Morgen ein kurzer Blick auf bild.de, um zu wissen, was die Leute heute aufregen wird. Man will sich ja schließlich mitaufregen können und nicht dumm dastehen.


Aus schierer Geilheit ließ er sich auf diese geil aussehende Perle ein, die sich dann als gar nicht so geil entpuppte und der Alltag mit ihr war auch nicht so geil. Aber seine Kumpelz dachten, sie sei geil und das fand er wiederum total gut.


Als es dann endlich wirklich alle verinnerlicht hatten, grundsätzlich auf unverfängliche Floskeln auszuweichen, wurde es etwas langweilig. So stürzte man sich dann auf das vielversprechende Feld der politisch korrekten nonverbalen Kommunikation.

Dienstag, 10. August 2021

 Und wie es dann kam, dass auch er Tag für Tag brav zur Arbeit ging und sich dabei seine Jugendfreuden und -träume klammheimlich in Luft auflösten, war das auch wieder nur das Normalste der Welt.


Und wie ihm dann nach dem Jobwechsel klar wurde, dass sein vermeintlicher Jobfrust vielmehr ein Privatfrust war, entschloss er sich, sich damit abzufinden ein Frustrierter zu sein und das zauberte ihm endlich mal wieder ein Schmunzeln ins Gesicht.


Es war wieder mal die Hölle und die für die ganze Familie extra angeschaffte Urlaubsgarderobe, die Entspanntheit und Vergnügen signalisieren sollte, riss es erst recht nicht raus.


Touristen schlendern durch die Fußgängerzone einer ihnen fremden Stadt und genießen so das beruhigende Gefühl von Vertrautheit.


Ja, wenn das so ist, dann mach ich mir doch jetzt ein Bier auf und lass es erstmal auf mich wirken  -  also, das Bier.


Adrian O. war missionarisch unterwegs, für eine wirklich echt gute Sache. Aber das machte es auch nicht besser.


Reichtum fand er in seiner Bedürfnisarmut; er hatte immer mehr, als er brauchte.


Er war ein Mann klarer Prinzipien und großer moralischer Werte.  -  Und er schaute liebend gern Hollywoodfilme, da erkannte er sich regelmäßig wieder.


"So, dem hab ich jetzt ordentlich die Meinung gesagt", hat er glücklicherweise noch nie denken müssen. Ein Mensch, der so denkt, ist er nicht und das macht ihn glücklich.

Montag, 2. August 2021

 Tja, ein Leben voller Arschlöcher, resümiert der berufsmüde Proktologe Hans-Günther W. beim dritten Feierabendbier.


Mit dem Trinken aufhören, bevor es hässlich wird - wie mit allem anderen auch.


Sie hatte damals große Pläne und die beinhalteten mich nun mal nicht. Ich war ihr nicht böse, ich hatte gar keine Pläne und daraus ergab sich dann so vieles für mich.


Er konnte keine Beziehung zu einer Gruppe aufbauen, noch nie. Da stand er immer am Rand oder außen vor. Nur einzelne Menschen waren ihm genehm, das funktionierte und gefiel ihm und so behielt er es bei.


Trotz eines völlig entgegengesetzten Lebensentwurfs musste er einfach die gleichen Fehler wie sein Vater machen. Es war die Macht des Schicksals, der Gene oder was auch immer und sie hatte ihn an den Eiern, die ganze Zeit.


Seine bisweilen schon zur Trägheit neigende Besonnenheit bescherte ihm ein langes Leben. Seine 72 Lebensjahre hatten sich für ihn mindestens wie 100 angefühlt.


Meistens hab' ich aber schon was Besseres vor - (in aller Regel nichts).

Sonntag, 1. August 2021

 Der größte Genuss des ersten Schlucks eiskalten Biers nach einem harten, undankbaren Tag liegt in der Gewissheit der gleich einsetzenden Wirkung.


Hinter einem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau und er kriegt es hin, obwohl sie ihm dabei über die Schulter schaut.


Jede einzelne Minute seiner Dienstzeit, die er für private Dinge nutzte, verbuchte er als kleinen Sieg; wohl wissend, dass er nur der Verlierer war.


Allein die Eitelkeit trieb ihn an, in allem. Und der durch und durch verdorbene Zeitgeist öffnete ihm Tür und Tor.


Er besaß keinen Ehrgeiz und dies hatte ihn vor manch großem Ungemach bewahrt. Mochten ihn die anderen ruhig faul oder gar feige rufen, er wusste es besser.


Sogar das verkaterte Aufwachen und Aufstehen wird in populären Filmen immer wieder humoristisch dargestellt. Menschliche Schadenfreude macht wirklich vor gar nichts halt!


Pensionierte Lehrer:innen fühlen sich zu Kulturschaffenden berufen und auf kommunaler Ebene kennt und beklatscht man sich. Es geht ihnen gut.

 Als Kind wollte er in zuckrigen Jahrmarktsbuden wohnen; später dann in einer vergessenen rostigen Geisterbahn.


In allem stets das gesunde Mittelmaß zu finden, ist weise; und Weisheit was für müde alte Leute.


War es warm, wünschte er sich Kälte und war es kalt, wünschte er sich Wärme und wenn die Sonne schien, schaute er nach Wolken. So einer war der Hartmanns Georg und er kam hier mit allen immer super zurecht, obwohl er nur ein Zugezogener war.


Sich auf eine Frau einzulassen, deren Äußeres ihn in irgendeiner Weise abschreckte, war ihm von vornherein unmöglich. Was das Innere betraf, war er weitaus weniger intolerant. So begann seine Ehehölle.


Dass er sich mit seinem Job, also einer fremdbestimmten Arbeit, noch am ehesten selbst verwirklicht sah, beschämte ihn.


Wissen Sie, eine Fliege, die auf ihren Flügeln liegt, fliegt nicht mehr, sagt der Unternehmensberater André T. gern im vertraulichen Gespräch nach einer Firmenbesichtigung. Auf diesen Satz ist er besonders stolz.


Unfreundlich auftretende Menschen empören und beschweren sich über Unfreundlichkeit.

Samstag, 24. Juli 2021

 Damals in den Absturzkneipen gab es immer den einen, etwas gepflegteren Alkoholiker, der, mit einem dubiosen Presseausweis ausgestattet, gegenüber den anderen Besoffenen gern vage Andeutungen machte über diese eine große Sache, an der er gerade dran war. Den Ausweis hab' ich heute noch.


Als Kind habe ich viel mit einer "Big Jim"-Actionfigur gespielt. Ich weiß noch, wenn man ihm den Bizeps anspannte, sprengte er eine silberne Oberarm-Manschette. Kein Wunder, dass ich später so lange keinen normalen, bürgerlichen Beruf erlernen wollte.


Sein Leben war nicht aufregend oder erfolgreich, in keinster Weise besonders. Eher langweilig. Aber es war seins. Niemals hatte er sich groß reinreden oder drängen lassen und darauf kam es ihm an.


Und als er dann endlich über die finanziellen Mittel verfügte, sich all seine Jungen-Männer-Wünsche zu verwirklichen, konnte er sich endlich selbst von deren Lächerlichkeit überzeugen.


Mit seinen Geschichten schmeichelte er sich selber. Und auch die Geschichten an sich waren vulgär.


Es stimmt: Seine vermeintliche Arroganz ist lediglich eine unbeholfene Schüchternheit. Genauso stimmt, dass er mit den meisten Menschen aber tatsächlich nichts zu tun haben will.


Für das Leben anderer Leute war er einfach zu müde und seine Frau mit ihrer Tratschsucht machte ihn irre. Am liebsten trank er sein eiskaltes Feierabendbier, allein, ganz bei sich.


Und die getrennten Schlafzimmer waren dann der Anfang vom Ende ihrer Zerstrittenheit.


Männliche Schwatzhaftigkeit ist relativ selten anzutreffen und wenn, dann beruht sie nie auf Gegenseitigkeit.

Montag, 5. Juli 2021

 Wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis. Wer wirklich stets die Wahrheit sagt, einen Psychiater.


Berufsmüde verrichtete er seine Arbeit und auch seine Freizeit gab immer weniger her. Er konnte damit leben, er machte sich selbst nichts mehr vor.


Mit der Romantik war er sowieso schnell durch; ein Hirngespinst, das Augen und Verstand vernebelte. Er blieb bei der Realität, sie machte ihn wütend, gab ihm Energie.


Als Kind ist Jens N. in den Sommerferien oft in Italien an der Adriaküste über brennend heißen Sand gelaufen. Als Erwachsener wollte er da nie wieder hin.


Als Kinder mussten wir in den 70ern noch Sonntagsausflüge überstehen. In einer Sonntagsgarderobe, von der Sie sich selbst in Ihren schrillsten Träumen keine Vorstellung machen können! Viele von uns trugen dann in den 80ern nur noch Schwarz.


Was möchten Sie mal erzählen können, wenn Sie dann erschöpft auf dem Sterbebett liegen?
- Ich habe mal gelesen, dass ...
oder
- Ich habe mal erlebt, wie ...


Die Erwachsenen wurden immer jugendlicher und die Jugendlichen immer kindischer. Norman M. allerdings hatte sich bereits mit 16 Jahren für den Beruf des Verwaltungsfachangestellten entschieden und blieb dabei. Und das Leben behandelte ihn gut.


Die Fachanwendung wird immer besser, nimmt ihm immer mehr Arbeit ab, er weiß kaum noch seinen Achtstundentag zu füllen. Er ist jetzt so lange dabei, da lassen sie ihm für die paar Jahre noch seine Stelle. Er dürfe sich glücklich schätzen, sagen sie ihm.


"Wenn dich was (deine Frau) wütend macht, dann tobe dich am besten woanders aus: Holz hacken oder Rasen mähen oder Hofeinfahrt kärchern." So entstand der 'Homo labora animalis', das menschliche Arbeitstier.


Liegen bleiben, bei sich bleiben und alles andere schön bleiben lassen. So geht das!


"Love and Peace and Harmony!" - Klar, alle sind dafür und dann klopft wieder ein Charles Manson an die Tür.


Trotz Fliegengitter hat sich eine Fliege in seiner Wohnung eingefunden und fliegt munter umher und Herr H. sitzt mit seinem Bier auf dem Sofa und fühlt sich eher unterhalten als belästigt. Aber noch mehr Leben in der Bude bräuchte er nicht.


Im Fernsehen schaue ich mir bewusst nur noch Sachen an, die mich nicht im geringsten interessieren, und dabei streiche ich mir von Zeit zu Zeit selbstverliebt durchs wellige Haar, schön langsam und intensiv über die Kopfhaut.


Dem Leben mit Witz begegnen, ansonsten isses ja witzlos.


"Mittels Strategie- und Positionierungsentwicklung legen wir Energiefelder in Ihrem Unternehmen frei und steigern Ihre Wertschöpfung", verspricht der Unternehmensberater auf seiner Website und Agenturfotos von seriös grinsenden Menschen in Businessgarderobe illustrieren das.


Den Scheiß einfach auch mal liegen lassen; und sieh an, auch die Aufregung legt sich.


Und wieder mal schlugen sie sich gegenseitig ihren pauschalisierenden Dünnpfiff um die Ohren, getrieben von hässlicher Wut, Dummheit oder was auch immer. Da konnte man sich doch nur raushalten.

Sonntag, 27. Juni 2021

 Überall, wo man, um bestehen und erfolgreich sein zu können, gut vernetzt sein musste, war er chancenlos, also nahm er mit dem vorlieb, was übrig blieb und so durfte er ein entspannt beständiges Leben führen: sein Leben.


Rainer R. besaß die bemerkenswerte Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit und ohne groß nachdenken zu müssen sich über alles und jeden eine schlechte Meinung zu bilden. Ansonsten war aber nicht viel mit ihm los.


Als junger Mann lachte er, wenn ihm eigentlich zum Heulen zumute war. Und das macht er heute noch. Das Wort "Resilienz" hat er noch nie gehört.


Seit jetzt 14 Jahren sitzt er mit ihr in einem Büro und ist immer noch darüber entsetzt, wie sie es innerhalb weniger Sekunden schafft, je nach Gesprächspartner von 'gereizt aggressiv' auf 'freundlich keck' umzuschalten. Frauen sind Monster und er ist Langzeitsingle.


Als der lediglich angelernte Angestellte Uwe L. wegen der rasanten Firmenexpansion schon nach kurzer Zeit zum Büroleiter ernannt wurde, kaufte er sich aus Jux einen "Ich Chef, Du Nix!"-Kaffeebecher. Für einen guten Kaffeebecher-Humor braucht es immer einen ernsten Hintergrund.


Wie er dann mitbekam, dass so eine Kirmeskapelle auf dem Stadtfest auch Punk- und Rocknummern im Repertoire hatte, die ihm wirklich noch was bedeuteten, war er beleidigt und ging nie wieder auf ein Stadtfest.


Den Ratschlag "Lass los! Du musst loslassen, einfach loslassen." hat er schon immer gehasst, nicht erst jetzt, wo er wegen seiner Verstopfung die Toilette blockiert.


Wer ist am bissigsten empört? Wer am originellsten? - Los, alle machen mit! Seien Sie kein Spielverderber, seien auch Sie dabei und machen auch Sie auf sich aufmerksam!


Im Einkaufscenter sieht er diese alten Leute
in ihren abstrusen Hosen und schrillen Blusen,
wie sie auf ihren Rollatoren
plappernd und nickend beisammen sitzen
und
was das Alter ihm mal bringt,
will er zweifelsohne gar nicht wissen.

Sonntag, 20. Juni 2021

 Ab und an musste er bei seinen Vorgesetzten mal Interesse an der Arbeit heucheln und so redete er eben mit ihnen über irgendeine berufliche Lächerlichkeit. So etwas gehört nun mal dazu, zur Arbeit.


Bestseller-Schund, pflegt er zu sagen, die Leute lesen nur noch Bestseller-Schund. Kafka, Goethe, Dostojewski - die Klassiker, das waren noch Bücher! Er selbst liest weder das eine noch das andere, hört sich aber selbst gern reden.


Elena A. ist ungeduldig, aber in erster Linie fällt sie anderen ins Wort, um ihre Dominanz auszudrücken. Es ist ihr manchmal fast unangenehm, aber sie will sich auch nicht selbst verleugnen, ja, ganz ehrlich, sie ist nun mal was Besseres.


Das Lästern überlässt er lieber denen, die, aus welchen Gründen auch immer, sehr ambitioniert darin sind. Sich letztlich selbst ans Bein zu pinkeln, ist einfach nicht so seins.


Früher bestand das Leben aus Arbeit, heute nur noch aus Geschwätz, ja, die Arbeit selbst: nur noch Geschwätz! Ist doch kein Wunder, dass die Leute nach und nach alle kirre werden.


Er musste noch zur Bundeswehr und hatte es gehasst. Jetzt ertappt er sich bei dem Gedanken, dass es vielen jungen Männern gut tun würde, wenn sie so was mal erleben und dabei was lernen müssten, und sei es nur, ein Hemd auf DIN A4-Größe zurecht zu legen.


Er ist lieb und 'n bisschen pummelig, seine Adidashosen und der Sportwagen reißen das aber wieder raus.


Etwa im gleichen Maße, wie es ihn in seiner Jugend zur "Action" drängte, drängt es ihn nun, eben diese zu vermeiden.


Schon sehr früh, schon bei den ersten Saufgelagen spürte er, dass der Alkohol alles andere in den Schatten stellt. Und genau so verhielt es sich fortan in seinem Leben.


Er leidet unter chronischem Fußpilz, und dass er dennoch darauf besteht, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt, das sind jetzt aber eindeutig zwei Paar Schuhe.


Die Freude der Frauen an ihren luftigen Sommerkleidern stimmt mich milde und glücklich, jeden Sommer wieder.


Sein Leben lang hat er Bücher verehrt und ihnen vertraut und letztlich haben auch sie ihn im Stich gelassen. Hätte er sich doch nur seine eigenen Gedanken gemacht, sich seine eigene Geschichte erschaffen.

Montag, 7. Juni 2021

 Der Suff, die Partys und die Vögelei und das ganze Theater drumherum waren irgendwann keine große Sache mehr und das ratlose, entspannte Rumsitzen gewann an Relevanz.


Das Leben bewegungsarm, das Gemüt gefühlsarm, das Gesicht ausdrucksarm. Er war kein Philosoph, er war der Hartmut M. und wurde 78 Jahre alt.


Manchmal wünscht er es sich so sehr: einfach mal einstimmen in das gesellige Gelächter. Aber er schafft es nicht, bringt es einfach nicht über sich, sich selbst so zu verleugnen.


Sophia A. wuchs behütet auf, ging immer gern zur Schule und nach dem Abitur hat sie ihre Lieblingsfächer auf Lehramt studiert und jetzt freut sie sich, direkt wieder in die Schule zurückzukehren, um mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen Kinder aufs Leben vorzubereiten.


Also früher, da haben die Leute ja auch noch viel mehr gelesen. Zum Beispiel morgens die BILD, damit man dann auf Arbeit was hatte, worüber man sich aufregen und mit den Kollegen einer Meinung sein konnte. Da herrschte noch Zusammenhalt und noch nicht diese zänkische Diversität.


Das Lottoschild an seinem Stammkiosk lässt ihn in Illusionen schwelgen: 11 Millionen! Statt eines Lottoscheins kauft er sich aber lieber noch 'ne Dose Bier und schwelgt damit weiter in seinen Illusionen.


Der alte Mann, der immer das Gleiche erzählt, weil er niemanden mehr hat, mit dem er mal was Neues erlebt: Er merkt es ja selbst, aber was will er denn machen? Phantasie hat er noch nie besessen, in seinem Leben war kein Platz für Phantasie.


Tatsächlich liegt es ihm fern, witzig sein zu wollen. Oft ist er es einfach. Er ist ein humorvoller Mensch, kein Witzbold.


Menschen, die nicht gleich beleidigt und auch nicht ewig nachtragend sind: nur schwer vorstellbar für Menschen, die gleich beleidigt und ewig nachtragend sind.

Mittwoch, 2. Juni 2021

 Sein Leben befand sich in einer Sackgasse, zu lange schon. Resigniert richtete er sich ein und jetzt sitzt er auf seinem Roomscape-Ecksofa in Eierschalenweiß und starrt seinen Wohnzimmerwandschrank, Modell "Prestige", an - Nun ist er also angekommen, im Leben.


Bei der Arbeit war er im Wesentlichen der Langeweile und Unsinnigkeit ausgesetzt. Er hatte genug Erfahrung, um zu wissen, dass es Schlimmeres gibt.


Jeden Morgen so gegen halb 6 erwacht das Mietshaus um ihn herum mit Türenschlagen, Radiogedudel, Getrampel, Gepolter und trockenem Gehuste. Es stimmt ihn ein auf die Unruhe in der Werkshalle, die ihn gleich erwartet, und er weiß, er hat keine Wahl.


Als er dann mitbekam, dass es nicht an ihm lag, dass die Kollegin einfach nur ein unhöflicher und von Grund auf feindseliger Mensch war, war er erleichtert, musste er ihr fortan doch keine freundliche Aufmerksamkeit mehr vorspielen.


Er saß mit einem Bier auf der Parkbank und schaute ihnen zu. Ein attraktives Pärchen, sympathisch, etwa in seinem Alter. Sie warfen sich gegenseitig ein Frisbee zu und lachten. Sie gehörten zu einer Welt, die er nicht verstand.


Er hat genug von diesen Rührseligkeiten. Das Leben ist nicht so; sein Leben ist nicht so, niemals. Diese konstruierten Rührseligkeiten verhöhnen doch die Menschen, nach Strich und Faden verhöhnen sie sie!


Alt-Hippies, Alt-Punks und Alt-Raver in sanierten Altbauten, während nun des Nachts in den Straßen umher der "Pöbel" tanzt.