Sonntag, 29. März 2026

 Er hatte ein Auge auf die gesamte Nachbarschaft, wusste über alles Bescheid, sah sich bei allem im Recht. In seiner bornierten Welt war er ein bedeutender Mann.


Nein, er glaubte an keinen gütigen Gott. So wie's in der Welt zugeht, wie kann man da an 'nen gütigen Gott glauben? Oder überhaupt an Güte? Oder Mülltrennung, auch so 'ne Sache, da ließ er sich auch nicht von überzeugen.


Ja sicherlich gibt es ein Leben nach dem Tod, nur eben nicht für den Betroffenen.


Er hängte sich Weisheiten an die Wand, kluge Sprüche in schöner Schrift, hoffte, dass es was änderte an seinem Unglück.


Von provinzieller Gelassenheit keine Spur. Gemächlichkeit vielleicht hier und da – und darunter dann immer wieder viel Gehässigkeit, provinzielle Gehässigkeit.


Unablässig sprach er von der Dummheit der Leute, von Idioten, von Schwachköpfen, von Hohlbratzen – ohne sich auch nur ansatzweise dabei auch mal selbst zu meinen. Nun, die Leute ließen ihn reden, gaben ihm Recht, wussten, er brauchte das.


Nein, er war kein Freund dieser Erde. Ein Schlachtfeld sah er in ihr, ein einziges Schlachtfeld. Und ein Komposthaufen. Ein Schlachtfeld und Komposthaufen. Wenn zur Saison die Städter kamen und von Natur und Landschaft schwärmten, beneidete er sie fast um ihre Ignoranz.


Das Leben war ihm unsympathisch und das, so sein Eindruck und Gefühl, beruhte auf Gegenseitigkeit.

Sonntag, 22. März 2026

 Sie glauben an all diesen Unfug ja nicht wirklich, sie halten sich nur dran. Ohne Halt gelänge ihnen das Leben nicht; angst und bange wäre ihnen – mehr als es ihnen ohnehin schon ist.


Er redete wieder mal von Ehre, von Loyalität. Er liebte diese beiden Wörter, fand sie bedeutsam, gewichtig, "krass", verwendete sie für seine heroische Selbsteinschätzung.


Sein Preisbewusstsein war ihm der Schlüssel zu allem, an alles klebte er ein Preisschild. Derzeit gerade an seine neue Partnerin.


Sein Leben lang hat ihn die Liebe zum Narren gehalten, ihm aufgelauert, auf ihn eingeprügelt, noch nachgetreten, wie er dann am Boden lag. Schlau hat's ihn allerdings nicht gemacht, bei vielen Filmen etwa hat er noch immer einen Kloß im Hals, es lässt ihn einfach nicht los.


Er musste arbeiten, einem Beruf nachgehen, einem standesgemäßen. Der Beruf bestimmte seinen Selbstwert, war seine Identität; und dabei hasste er ihn insgeheim. Im Alter von 64 Jahren starb er dann und in seiner Todesanzeige war der Beruf nochmal für alle zu lesen.


Diese Unternehmertypen, diese "Macher", die immer gute Laune versprühen, immer einen Spruch auf den Lippen haben, immer freundlich sind, bei allem mitmachen, überall Präsenz zeigen und Gott und die Welt kennen: Um nichts in der Welt möchte ich mit denen tauschen.


Tage vollgestopft mit hirnrissigen Verpflichtungen, größtenteils selbst eingebrockt, ja, nach und nach eingebrockt, eins führt da ja zum anderen. Und dann ist man zu bequem oder zu mutlos, um da wieder rauszukommen. Verrückt ist das und, schaut man sich mal um, völlig normal.


Er war überall willkommen. Und beliebt, das war ihm wichtig, überaus wichtig, und dafür war er dann auch schon mal unaufrichtig, vergaß er schon mal seine Selbstachtung, sein Rückgrat. Schließlich war es dann Feigheit vorm Konflikt, ein ewiges Sichwinden und Ducken.

Sonntag, 15. März 2026

 Ihr Leben gestalteten sie fantasie- und mutlos, da waren sie sich einig. Ansonsten saßen sie viel vorm Fernseher.


Er machte keine Witze, er erzählte welche. Ohne Talent, ohne Gespür für sein Gegenüber. Die Witze hatte er von so einer Witzeseite im Internet.


Sein Leben lang hatte er aufs Geld geschaut. Sie ja auch. Sie bei anderen Sachen als er, aber aufs Geld geschaut hatten sie beide, da konnten sie sich drauf verlassen. Deswegen gelang ja auch ihre Ehe.


Er setzte kaum mehr einen Fuß vor die Tür, steckte nur hin und wieder mal den Kopf aus dem Fenster. Nun, sagte er, ich habe mein Leben gelebt, so dolle war's nicht und nun isses halt bald vorbei.


Er ließ sie reden, die Leute. Das hatte er sich so angewöhnt im Lauf seines Lebens, die Leute reden lassen. Egal, ob ihm das nun passte, was die Leute da redeten, oder es ihm nicht passte, er ließ sie reden. Die Leute legten Wert darauf zu reden, also ließ er sie reden.


Um den Feiertagen zu entgehen, begab er sich dann schnurstracks in seine gewohnte Feiertagstrinkerei, fürs persönliche Feiertagsfeeling.

Sonntag, 8. März 2026

 Jegliches Begeistertsein widerstrebte ihm, überforderte ihn. Das begeisterungslose Leben war ihm das einzig mögliche.


Mit Leuten, die das Leben genießen, es SCHÖN finden, die wegen allem gleich aus dem Häuschen sind, möchte er nichts zu tun haben – womöglich sind die auch noch ansteckend.


In einem stickigen Provinztheater zu sitzen, Blähungen zu unterdrücken und wieder und wieder verstohlen auf die Uhr zu schauen: Das entsprach nun seit vielen Jahren seinem Lebensgefühl; beruflich wie familiär.


Man sollte nicht zu viel von den Mitmenschen erwarten, dass sie einem etwa nichts vormachen oder dass sie nicht vorrangig an sich selbst denken oder dass sie gütig sind oder was auch immer. Am klügsten ist's, man erwartet erstmal – und auch langfristig – gar nichts von ihnen.


Er ging da hin, leierte seine Arbeit runter und ging wieder weg. Da irgendeine Bedeutsamkeit zu sehen oder gar eine Berufung oder Leidenschaft, eine Bestimmung womöglich, das kam ihm nie in den Sinn, auch wenn sie's versuchten, ihm immer wieder ankamen mit diesem Blödsinn.


In seinem Kalender hakte er Arbeitstag für Arbeitstag ab, so ging dann Woche für Woche rum. Und an den Wochenenden war's im Grunde auch nicht viel anders. Manchmal gab ihm das schon zu denken, im Großen und Ganzen aber nicht.


Bei der Arbeit hatte er nichts zu melden, unterwarf er sich auch nur zu bereitwillig. Dafür spielte er sich dann woanders auf, gern in Ladengeschäften, Cafés oder Restaurants, stutze in seiner herrischen Art Angestellte zurecht, ließ seiner kleingeistigen Wut freien Lauf.


Tatsächlich beruhte seine Selbstsicherheit auf seiner Selbstsicherheit, mehr war da nicht.


So etwas wie eine Sozialverträglichkeit entwickelte er dann im Alter, als er schließlich genug hatte von den Menschen und nur noch fürs Nötigste raus ging und sich um seinen eigenen Kram kümmerte, sofern er sich überhaupt um was kümmerte.

Sonntag, 1. März 2026

 Altersfett ist er geworden, behäbig in seinem bürgerlichen Wohlstand – und dabei so süffisant und selbstgefällig, als hätte er sein ganzes Leben darauf hingearbeitet, so zu sein. 


Nicht nur bei den Dienstbesprechungen, die ganzen Arbeitstage über musste er sich inzwischen zusammenreißen, sich verstellen – verhehlen, wie absurd und lächerlich er das alles nur noch fand, wie er sich über seine Arbeit amüsierte und sich für sie schämte.


Er glaubte aber vor allem an das, von dem er glaubte, dass man es ihm vorenthielt. Geradezu besessen war er von diesen Vorstellungen, waren sie doch für ihn die einzig noch verbliebene Zuflucht in seinem von vorn bis hinten misslungenen Leben.


Beim Lotto wieder nur drei Richtige. Kleine Häppchen ab und an, dass man dranblieb. So lief das eben. Aber ja nicht nur beim Lotto, so lief das doch generell und genau deswegen spielte er weiter, er wollte an den großen Kuchen, wollte sich nicht auf ewig billig abspeisen lassen.


Manchmal stellte er sich noch vor, er würde sich mal wieder tagelang volllaufen lassen. Aber es wäre ja zwecklos. Für was sollte er sich noch betrinken, wohin wollte er sich betrinken? Auch in der Trunkenheit wartete doch schon längst nichts mehr auf ihn.


Der Alkoholrausch lief nur noch ins Leere und dennoch versuchte er es wieder und wieder. Jedes Wochenende. In seiner Vorstellung, in der Vorfreude, da funktionierte der Rausch noch – und ließ ihm keine Ruhe.


Und wie er dann das Bier für sich entdeckte – noch in der Schulzeit war's –, da war's auch schon um ihn gescheh'n. Das konnte ja nichts werden mit dem Burschen, dem verrückten: ein Tunichtgut zuletzt, ein herzensguter zwar, aber eben ein Tunichtgut und Habenichts, ein Schelm.


Er ist wieder gesund, kann wieder essen, wieder seinen Kaffee trinken und schon morgen, spätestens übermorgen, ist das auch schon wieder eine Selbstverständlichkeit. Die Gewöhnung geht schnell; an das Gute stets schneller als an das Schlechte, da ist der Mensch undankbar.


Bis man die Gebrauchsanweisung für so'n Leben einigermaßen zu Ende studiert hat, da isses ja auch schon fast wieder um, das Leben. Bleibt einem hoffentlich nur der glückliche Umstand, dass all das, was man falsch gemacht hatte, nicht zu gravierend, nicht verhängnisvoll war.