Sonntag, 21. Juni 2026

 Früher hatte er Ambitionen, jetzt hat er Routinen, dreht seine Runden in seiner kleinen Welt, macht sich nichts mehr vor; sieht dafür nun umso mehr im Unspektakulären, Alltäglichen, weiß um sein stilles Glück.


Er war 'ne Arschgeige. Sie 'ne Gewitterziege. Und ihr Sohn und ihre beiden Töchter, das waren zweifelsohne ihre Nachkommen. Allesamt kamen sie nicht los voneinander, hockten ewig beisammen, brüllten und gifteten sich an. Weil's das Normalste auf der Welt war.


Nun, was ihn betraf, so konnte er sagen, dass es ja nur seine Geilheit gewesen war, sein Verlangen nach ihrem Körper – und dann hatte er dann das Malheur. Was sie an ihm gefunden hatte, wusste er nicht. Sie hatten da ja nie drüber geredet, die ganzen 57 gemeinsamen Jahre nicht.


Er ist jetzt Ende 40, arbeitet irgendwo, wird langsam übergewichtig, wirkt abweisend, übellaunig, ist allein. Interessen hat er groß keine. Eine Zeit lang hat er mal DVDs gesammelt, die stehen jetzt im Wohnzimmer. Im Wandschrank. Was das alles überhaupt soll, weiß er auch nicht.


Und doch alles nur wieder so ein Tun für ein so oder so vertanes Leben.


Er sprach gehemmt, war gehemmt, wich auf Floskeln aus, kicherte verlegen. In seinem Kopf spielten sich derweil Dramen ab: Scheusale, die ihn beäugten, ihm ans Leder wollten, lauerten; der kleinste Fehler und er war erledigt. Er war halt so – und die Menschen doch im Grunde auch.


Er schlenderte gern durch die Warenhäuser. Nicht wegen der Waren. Die traurig heitere Absurdität des Ganzen gefiel ihm, die Atmosphäre der enttäuschten Erregung.


Immer wieder ließ er sich dann doch zum Kaufen verführen, knüpfte wider besseren Wissens irrsinnige Vorstellungen an profane Gebrauchsgüter. Meistens ging es dabei um Eitelkeit. Und im Grunde immer um Langeweile.

Sonntag, 14. Juni 2026

 Und immer dieser Drang dazuzugehören, mitzumachen, Teil der Mehrheit zu sein, mitzuschwimmen in der Masse – das war doch furchtbar, er verstand das nicht. Er zog es ja vor, in Ruhe ein Bier zu trinken. Das war doch das beste überhaupt: in Ruhe ein Bier zu trinken, oder zwei.


Er ist voller Wut und auch Hass, unterstellt anderen seine Denkweise, seine Gefühle, sieht sich bei jeder Kleinigkeit provoziert und bedroht. Eine wirklich unangenehme Art zu leben hat er sich da ausgesucht. Oder andrehen lassen. Gut, letztlich muss er es ja selber wissen.


Wie oft hatte er in seinem Leben nun schon freundlich gelächelt und gedacht: "Du dumme Sau", "Du blöde Kuh"! – Gerade bei der Arbeit, da war das doch sein täglich Brot, sein Mindset. Und ja auch seine sympathischen Lachfalten, die waren schließlich nicht vom Himmel gefallen.


Er äußerte und verhielt sich entweder plumpvertraulich oder aggressiv bedrohlich, genoss es, wenn er jemanden einschüchterte, spürte permanent den Helden in sich. Bei der Arbeit allerdings, da war er recht handzahm, unauffällig – da stand fest, was er zu tun hatte und was er war.


Irgendwann hatte er dann das unumstößliche Gefühl, dass nun alles so in seinem Leben verlief, wie es für ihn vorgesehen war. Dass er im Grunde genau das erhielt, was ihm zugedacht war – und ihm zustand. Und das warf verflixt noch eins kein schmeichelhaftes Licht auf ihn.


Beseelt von kindischem Habenwollen; zeitlebens ein Kind.


Er ging Konflikten nicht aus dem Weg, aber nie wurde er dabei laut oder gar aggressiv. Er hatte das von seinem Vater gelernt, der zeitlebens ein würdeloser Choleriker war.


Als er es endlich geschafft hatte, sich von ihr zu trennen, betrank er sich. Wochenlang betrank er sich und alles war so ruhig und friedvoll um ihn herum. Und wie er wieder nüchtern wurde, da war es immer noch so ruhig und so friedvoll und so lebte er dann glücklich und zufrieden.

Sonntag, 7. Juni 2026

 Scheidung kam für sie beide nicht in Frage, wegen der Leute. Und so blieben sie vereint; in Gezänk, kleingeistiger Rechthaberei und stetig wachsender Aversion.
Sie überlebte ihn, um viele Jahre, sah sich als Gewinnerin.


Ja, manchmal – sogar häufiger als man glaubt – da passt es einfach; da ist dann jemand doch tatsächlich innerlich genau so abstoßend wie äußerlich.


Er hörte es gern, wenn sich das Pärchen in der Wohnung nebenan stritt und anschrie. Sie gingen ihm oft genug mit ihrem Gepolter und dem aufgedrehten Fernseher auf die Nerven, da war es nur gerecht, dass sie ihn auch mal unterhielten, ihm was boten, ihn mitnahmen.


Gegenüber seinen Mitmenschen war er gehässig und gutmütig zugleich, gehässig in Gedanken und doch gutmütig im Handeln. Und das erlebte er als das Normalste der Welt, dachte da auch nie groß drüber nach, den anderen ging's ja doch genauso.


Er hatte studiert, irgendeine geisteswissenschaftliche Nutzlosigkeit, und war nun da gelandet. Produktionshelfer. Inmitten von Malochern, die ihn verhöhnten. Und jetzt saß er in seiner 1-Zimmer-Wohnung, betrunken, und starrte auf sein BILLY-Regal mit all den Fachbüchern drin.


Bei jeder Gelegenheit glaubte er witzig sein zu müssen und trat dabei von einem Fettnäpfen ins nächste, verscherzte es sich früher oder später mit jedem. Dabei meinte er es niemals böse oder zynisch, er wusste sich einfach nur nicht anders zu helfen.


Er hat immer noch die Sauferei und die anderen Eskapaden seiner Jugendjahre im Hinterkopf. Alles, was danach kam, erscheint ihm fad, vernünftig, bedeutungslos. Nun, es gibt kein Zurück, aber seine Trantütenexistenz jetzt all die Jahre schon: Ist das jetzt die Endstation?


Seit nun etwa drei Jahren war er weg von der Flasche, trank er nur noch aus Dosen.


Manchmal fielen ihm plötzlich die Namen von alten Bekannten ein, an die er schon jahrelang nicht mehr gedacht hatte, und dann googelte er, was aus denen geworden war. Am besten waren diese LinkedIn-Profile, die amüsierten ihn jedes Mal, gaben ihm grundsätzlich ein gutes Gefühl.


Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass er zugleich mit der altersbedingten Eintrübung seiner Augen einen immer klarer werdenden Blick entwickelte, mehr sah, mehr erkannte. Was die zunehmende Müdigkeit in ihm aber auch nicht aufhielt, eher noch förderte.


Seit vielen Jahren isses bei ihm aber bei allem nicht mehr wirklich ein "Na, dann will ich mal", immer nur noch mehr so ein "Na, dann muss ich wohl". – Aber vielleicht verkehrt sich das dann ja wieder auf'm Sterbebett.