Sonntag, 30. August 2026

 Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, dem kann schließlich alles Mögliche passieren, das kann böse enden. Und das Risiko ging er nicht ein, zu keiner Zeit, er lebte sein Leben mit geschlossenem Fenster, gardinenverhangen, im Mief eines ewigen Trotts.


Aber was nützt dir denn noch die halbe oder dreiviertel oder von mir aus auch ganze Million, wenn du schon für 'ne Bratwurst und 'n Pils bald 10 Euronen hinblättern musst, ist doch alles nur noch relativ heute, völlig anders als wie früher, wo 'n Millionär noch 'n Millionär war.


Er mochte die Menschen nicht, kam nicht zurecht mit ihnen, sah immer sofort deren Falschheit, oft auch Verlogenheit und dann noch die Eitelkeit, überall diese Eitelkeit, das wurmte ihn, stieß ihn ab, sah er sich doch immerzu mit sich selbst konfrontiert.


Nein, er braucht und will das nicht mehr, für ihn ist das alles längst gegessen. – Gegessen, verdaut und ausgeschieden. Und weggespült. Aber stets kommen sie damit wieder auf ihn zu und setzen es ihm wieder vor. Tag um Tag. Ja, so ein Berufsleben ist wahrhaft kein Wunschkonzert.


Und da entschied er sich – ganz aufgeregt war er – für ein Leben als Künstler. Die Gefahr der Armut sah er durchaus, stellte sich das aber romantisch und abenteuerlich vor. Auch hatte er ja seine gutverdienenden Eltern, die würden ihn nie im Stich lassen. Das Leben war großartig.


Dann aber stieg er hinab in die Welt der Social-Media-Kommentare und ward nie mehr gesehen.


Zeitlebens war er der Überzeugung, dass im Grunde alles, was andere hinbekamen, er auch früher oder später hinbekommen würde. Ernsthaft mal ausprobiert hatte er es nie, fühlte er sich doch stets ausgesprochen wohl mit seiner Überzeugung, er war ja nicht bescheuert.


Er hatte immer schon ganz gern einen getrunken, früher aus Spaß, dann aber auch aus Langeweile oder aus Gewohnheit oder zum Trost, er war da immer recht flexibel, das Leben verändert sich nun mal und da muss man sich dann drauf einstellen, ob's einem nun passt oder nicht.


Mit Ende 50 war's dann soweit: Der Alkohol schadete ihm mehr, als er ihm gab. Als Genussmittel war er noch zu gebrauchen, mal ein kaltes Bier nach einem harten Tag, mal ein Glas Wein zum Abendessen und das war's dann aber auch schon. Ja, er kam nun so langsam ins heiratsfähige Alter.


Er mochte die Tage, an denen nichts passierte. Hatte Frieden geschlossen mit seinem Trott. Was sollte er mit all dem Getöse und Gehabe da draußen, mit irgend so einem Quark, den er so oder so ähnlich ohnehin schon zigmal mitmachen musste? Nein, er blieb nun drinnen; bei sich.

Sonntag, 23. August 2026

 Schon kurz nach dem Hallo kamen sie dann wieder auf ihre Gebrechen und Krankheiten zu sprechen. Bei dem Thema fühlten sie sich am wohlsten.


Sie war hübsch und er machte sich Hoffnungen, Illusionen. Da ahnte er noch nichts von den rigiden Auswahlkriterien der Frauen, wusste er noch nicht, wo im Leben sein Platz war. Sein Glück, denn nach dem Schwelgen in Illusionen kam für ihn nicht mehr viel, im Grunde gar nichts.


Zeitlebens hatte er keine Freundin, keine Partnerin. Eine Zeit lang war er ins Bordell gegangen, immer zu der gleichen Frau, hatte sich für einige Minuten eine Umarmung gekauft, ein Beieinanderliegen. Keinen Sex, dazu kam es nicht, ihr war sofort klar gewesen, was er brauchte.


Sie redet und redet, erzählt ihm Belanglosigkeiten. Ohne Punkt und Komma. Ohne Pointe. Das Reden ist ihr ein Bedürfnis. Bevor sie ein Paar wurden, kannte er sie lange genug, er wusste, worauf er sich einließ und doch fühlt er sich nun um seine Zeit, um sein Leben betrogen.


Nicht nur die Kleidung, sein ganzes Auftreten war unangemessen – aufdringlich, schrill, er wollte Beachtung, Aufmerksamkeit. Und sein Thema, seine Botschaft, das war dann jedes Mal und schon immer er selbst.


Zu der Firmenfeier in der für den Abend angemieteten Rooftop-Eventlocation hatte man im Businesslook zu erscheinen. Er hasste alles daran, alles.


Er rotzt seinen Schleim auf den Bürgersteig, schneidet sich schon mal seine Fingernägel in der Regionalbahn, rülpst, weil er das witzig findet und lacht viel über andere. Sollten Sie ihm begegnen, so sagen und empfinden Sie am besten nichts.


Bei der Suche in dem Haushaltswarengeschäft befand er sich in der Nähe der Kasse und bekam so mit, dass die Kassiererin nach jedem Kassiervorgang jedem Kunden viel Freude mit der soeben erworbenen Haushaltsware wünschte. So dann auch ihm mit den zwei Topflappen.


Aber so lief das bei ihm schon ewig und drei Tage, die Aussicht auf die Wochenendsauferei half ihm über die Arbeitswoche und die Sauferei dann übers Wochenende.

Sonntag, 16. August 2026

 An seinem letzten Arbeitstag schenkten sie ihm eine Flasche Wein und eine Karte mit den Unterschriften des gesamten Kollegiums. In all den 38 Jahren hatte er nie jemandem gesagt, dass er Wein nicht ausstehen konnte. Und auch die Karte warf er noch auf dem Heimweg in den Müll.


Seine Scherze sorgten für peinliche Momente und für Witze fehlte ihm erst recht jegliches Talent, aber er konnte es nicht lassen. Sein, wie er sie immer nannte, Frauchen schämte sich für ihn. Nun, er war da weniger empfindlich, amüsierte sich, fühlte sich prächtig, sauwohl.


Auch sie kaufte dann zunehmend Öko- und Bioprodukte, Fair-Trade. Ohne davon wirklich überzeugt zu sein. Ihr ging es um die Exklusivität ihres Einkaufs, ihr gesellschaftliches Ansehen. Da, wo sie wohnte, war sie wer. 


Von den beiden war er der Fleißige, der Zuverlässige, und sein guter Ruf nahm ihn mehr und mehr in die Pflicht. So langsam wurmte ihn das und da wusste er nicht mal, dass sie sich ja auch über ihn das Maul zerrissen. Über was anderes eben. Seinen immer so mürrischen Blick etwa.


Nein, es geht nicht, ich kann nicht. Von Montag bis Freitag muss ich arbeiten. Am Samstag will ich dann für mich sein. Und am Sonntag bin ich depressiv. Vielleicht irgendwann mal.


Herrje, wie sie alle wieder meckern! Und dann die anderen wieder über die Meckerer meckern ...

Sonntag, 2. August 2026

 Die stellten mich tatsächlich ein und gleich in der ersten Woche musste ich auf der Facebookseite der Firma zu so einem Foto von mir die Behauptung aufstellen, dass ich mich auf die Arbeit freue. Was für eine verlogene Scheiße das doch alles war!


Er wohnt außerhalb, muss pendeln. Wie ein gefangenes Tier, das in einem ewigen Hin und Her seinen Käfig abschreitet, dachte er neulich auf dem Weg zur Frühschicht und die Bitterkeit des Vergleichs gefiel ihm – gefällt ihm immer noch. Es ist seine Art, sich zu wehren.


Er hielt sich für klug, klüger als die meisten, und war der festen Überzeugung, dass die Leute gut beraten wären, würden sie auf ihn hören. Dass die das aber nicht taten, trieb ihn regelmäßig zur Weißglut, machte ihn irre. Nein, der klügste war er nicht gerade, wirklich nicht.


Mit der Toleranz ist es doch aber so wie mit der Liebe: Sie verträgt keinen Imperativ.


Es war endlich der letzte Arbeitstag dieses Kollegen und er wünschte ihm alles Gute, obwohl das keineswegs stimmte. Er war entschlossen gewesen, es ihm nicht zu sagen und war nun doch eingeknickt und so langsam fürchtete er, dass die Falschheit ihn niemals loslassen wird.


Seine Frau hielt ihn auf Trab: Besorgungen machen, Wege erledigen, Sonderangebote, Reparaturen – immer wieder Kleinlichkeiten im Alltäglichen. "So kommt er mir nicht auf dumme Gedanken", scherzte sie. Er ließ es mit sich machen, hatte selber nichts mehr vor.


Nein, er misstraute ihm, der ganzen Partei misstraute er. Wie ja im Grunde inzwischen allen Politikern. Außer den Extremisten, den rechten wie den linken, denen misstraute er nicht, nur wählte er die ja auch nicht.


Wieder stellte er sich vor, er wirft am Wochenende seine alte HiFi-Anlage an, kippt jede Menge Bier und legt die alten Platten auf. Doch wusste er ja längst, dass es nicht mehr funktionierte. Dass sich die Zeit nicht zurückdrehen ließ, auch mit all den Accessoires nicht.


Er redete nicht viel und auf seine Untätigkeit war Verlass. Ein angenehmer Mensch, im Umgang entspannend, inspirierend. Warum eigentlich waren nicht mehr Menschen wie er, warum und für was waren die meisten nur immer so lebhaft, so emsig, so nervtötend?


In seinen Tagträumen war er bedeutsam, ein brillanter Geist, schlagfertig, witzig, großzügig, ein Frauenheld. Und da, wo er jetzt arbeitete, hatte er viel Zeit zum Träumen. Als hätte er sich diese Erwerbstätigkeit allein aus diesem Grund ausgesucht. Um seine Träume zu träumen.