Sonntag, 27. September 2026

 Ein noch junges Pärchen, aber schön haben sie es sich gemacht, die Wohnung, alles schick hergerichtet, muss man sagen. Gardinen, Geschirr, alles da. Und alles sauber, picobello. Er hat Arbeit bei Mercedes und sie ist wirklich nett, nein, da kann man nichts sagen, wirklich nicht.


Sie rauchten ausschließlich auf dem Balkon, verweigerten es sich selbst, sich in der eigenen Wohnung eine Zigarette anzustecken, ja, sie schlossen sich aus für diese Schandtat und überwachten sich in diesem Übereinkommen zudem gegenseitig, damit sie nicht auf dumme Gedanken kamen.


Gings ums Geld, wurde er auf der Stelle kleinlich. Und auch sonst zeigte er nie mal irgendeine Größe.


Er schaut gern die Filme im ZDF. Die haben ein Happy End. Oder zumindest eine Auflösung, da ist dann immer alles geklärt. Auf ihn und sein Leben, das weiß er nun längst, da wartet nur noch eine Klarheit, eine Auflösung, ein Happy End.

Sonntag, 13. September 2026

 Ihr ging es ja nicht in erster Linie darum, etwas zu sagen, ihr ging es erst mal nur ums Reden. Ihn machte das wahnsinnig und sie meinte, er solle doch mit ihr darüber reden.


Herr B., pensioniert, gutsituiert, engagiert, verstand die Welt nicht mehr. Was ihn aber in keinster Weise davon abhielt, sie anderen zu erklären – ganz im Gegenteil.


Kam er ins Reden, und das kam er oft, war er sich dann selbst der erbaulichste Zuhörer.


Je übler und zehrender die Arbeit, desto übler auch die Bezahlung. Er hatte sich damit abgefunden und wusste auch, dass er da nicht mehr raus kam. Es sei denn, ein außerordentlicher Glücks- oder Unglücksfall sorgte dafür. Und so langsam käme ihm auch das Unglück gelegen.


Kompetenz, Fleiß, Intelligenz, Eloquenz, Kontaktfreudigkeit: alles da. Aber das Entscheidende, die unabdingbare Kälte und Rücksichtslosigkeit: Nun, da konnte er nicht mithalten; da stand er in dem Gedränge vor der Karriereleiter von Anfang an auf verlorenem Posten.


Beide waren sie dumm und zänkisch und wenn sie sich mal wieder gegenseitig angifteten, schauten sie dabei in einen Spiegel, ohne es zu merken. Ohne es je zu begreifen, ihr ganzes beschissenes Leben lang.


Er erklärt, er tue es aus Mitgefühl, für ihn eine Selbstverständlichkeit. Immer wieder lässt er das hier und da in einen Nebensatz einfließen, wartet auf Anerkennung, auf Lob. Ob er es überhaupt tut, weiß man nicht. Und lügt er, so interessiert das auch schon keinen mehr.


Bier, erstmal Bier, und dann Bohnen, einen Riesentopf Bohnen, mit Zwiebeln, mit Zwiebeln und Speck, und dann wird er furzen, wieder und wieder, lustvoll und frei. Seit Jahren hat er mal die Wohnung für sich allein, das ganze Wochenende, er ist der glücklichste Mensch der Welt.


Ja, mehr Verzicht wäre klüger gewesen. Jetzt – alt, erschöpft, entnervt und mit diesem ganzen Mist am Hals – fragte er sich, was ihn bloß all die Jahre nur immerzu geritten hatte.

Sonntag, 6. September 2026

 Manchmal fragte er sich, warum er denn nun wirklich immer noch seiner längst verhassten Arbeit nachging, verwarf die Frage aber jedes Mal gleich wieder, ging er doch im Grunde deswegen Tag für Tag ins Büro, weil abseits der Arbeit nichts mehr von ihm übrig war.


In jungen Jahren fand er das Leben aufregend und lustig. Schon allein deswegen ist er froh, nicht mehr jung zu sein.


Die alten Peinlichkeiten wurde er nicht mehr los. Immer wieder kamen sie hoch, fielen über ihn her, quälten ihn bis ins Mark. Und um neue Peinlichkeiten zu vermeiden, unterwarf er sich selbst einer strengen Wachsamkeit – verlieh den Peinlichkeiten noch größere Macht über sich.


Die Arbeitskollegen erzählen viel von ihren Freizeitaktivitäten. Manche haben richtige Hobbys. Er sitzt zuhause viel auf dem Sofa. Oder in der Küche. Isst was, denkt nach, trinkt ein Bier. Aber das erzählt er den Arbeitskollegen nicht. Im Grunde erzählt er ihnen nie irgendwas.


Bei der Arbeit hatte er ausnahmsweise mal einen guten Tag, wollte sich aber nicht drüber freuen. Wollte, dass es ihm egal war. Freude würde, genau wie Ärger, eine emotionale Bindung an die Arbeit bedeuten und das lehnte er ab, durfte ihm nicht passieren – nicht bei diesem Unfug.


Er läuft nie irgendwo nackt herum, nicht mal allein in seiner Wohnung, er kommt sich lächerlich vor mit diesem Pimmelmann da an sich dran. Nicht dass er unterdurchschnittlich bestückt wäre, nein, nein, aber 'n lächerlicher Pimmelmann bleibt nun mal 'n lächerlicher Pimmelmann.


Bei der Frage nach seinem Alkoholkonsum zögerte er. "Gelegentlich" – stimmte, "Regelmäßig" – stimmte auch. Also kreuzte er "Nie" an.


Er war in sich gekehrt, nachdenklich, empfindsam. Was er erlebte, verfolgte ihn oft lange Zeit und so ging er Vielem möglichst gleich aus dem Weg. Einige meinten, er sei zu nachgiebig, zu labil, zu feige – denn sie hatten ja keine Ahnung, keinen blassen Schimmer hatten sie.


Mitmachen, er solle mitmachen. Damit er nicht immer so einsam ist, sagten sie, damit er auch mal fröhlich ist. In Wahrheit wollten sie es natürlich in eigener Sache, wollten sich bestätigt sehen – duldeten sie keinen Sonderling in ihren Reihen.