Gleich muss er wieder zur Arbeit, ins Büro, das wütende Getippe seiner Bürokollegin ertragen, die Sinnlosigkeit ertragen, das Telefon, den Widerwillen, die Perspektivlosigkeit. Er ahnt es, weiß es: Wenn er in elf Jahren in Rente gehen darf, ist nichts mehr von ihm übrig.
Immer häufiger ging er auf Arbeit auf Toilette ohne zu müssen. Um für sich zu sein. Um für ein paar Minuten seine Ruhe zu haben. Aber selbst das bekamen sie dann irgendwann mit und hielten es ihm vor. Zu Hause mit seiner Frau war's das Gleiche gewesen.
Nicht an der Arbeit, am Berufsleben verzweifelte er. An dem Getue, dem Theater, den Spinnern, die sich dort auslebten, sich aufspielten, als gings um Gott weiß was. – Und je unwichtiger, je unnötiger alles war, umso mehr spielten sie verrückt.
Ein freundlicher junger Mann: adrett, höflich, zugewandt; in seinen Äußerungen ausschließlich positiv, jedem in allem zustimmend – keineswegs vertrauenswürdig.
Aus der kindlichen Grausamkeit ist er dann doch noch zeitig rausgewachsen. Um sozial zu funktionierten. Die Egozentrik hingegen hat er nie abgelegt, lediglich kaschiert – mit schönen Worten. Oder demonstrativen Handlungen. Wie man das eben so macht. Wie sich's nun mal gehört.
Nach der "Arbeit" – oder wie auch immer er das bezeichnen sollte – machte er stets noch einen langen Spaziergang, einen großen Umweg auf dem Weg nach "daheim".
Im Wissen um seine Nachgiebigkeit gegenüber der Niedertracht und Falschheit der Leute zog er sich mehr und mehr zurück. Sich aufzuregen oder gar aufzubegehren angesichts dieser Übermacht wäre aussichtslos, lächerlich – womöglich noch abfärbend.
Er war stets freundlich, nett, vor allem aber nachgiebig, auch bei den falschen Leuten. Es verspürte da immer so eine Müdigkeit, so eine innere Schlaffheit, wenn sich mal wieder so ein Arsch vor ihm aufbaute. Nun, das war dann eben seine Art, solche Leute auflaufen zu lassen.
Sie schenkten ihm ein T-Shirt. Mit so einem Spruch darauf, von dem sie meinten, dass er zu ihm passe wie "Arsch auf Eimer". Und erwarteten nun, nicht ohne eine Spur von Gehässigkeit, dass er es auch trug. Er spielte mit, wusste um seine Stellung, seine unterwürfige Abhängigkeit.
Zu allem entwickelte er angstbesetzte Katastrophen-Szenarien, litt vorab, um sich vorzubereiten. Oder um sich dann besser zu fühlen, wenn die Katastrophe ja doch nicht eintrat – was aber nie funktionierte, war er doch in Gedanken auch schon längst bei einer neuen Katastrophe.
Beim Abwerten und Verurteilen war er immer schnell dabei; so, wie man lange darauf warten konnte, dass mal ein Lob über seine Lippen kam. Und dass sich unter der harten Schale ein weicher Kern befand, ließ sich auch nicht über ihn sagen. Die Grabrede war dann auch eher formell.