Sonntag, 31. Mai 2026

 Er hatte es verkackt, war gescheitert, beruflich wie privat, quälte sich selbst tagein tagaus mit Vorwürfen und peinlichen Erinnerungen. Und schaute er auf anderer Leute Leben, so sah er da bloß eine andere Art von Beschisssenheit. Nein, für ihn war das alles nichts.


"Familienstand?" - "Geschieden, allein, am Arsch", antwortete er, "aber immerhin hab' ich meine Ruh', wissen S', immerhin hab' ich meine Ruh'."


Abgesehen von einer kurzen Phase pubertärer Auflehnung tat er immer, was von ihm erwartet wurde: übernahm den väterlichen Betrieb, heiratete standesgemäß, war tüchtig. Erst im hohen Alter wurde er dann wieder kurz störrisch; als er realisierte, dass es das nun für ihn gewesen war.


Sein Leben schlug ihm mehr und mehr auf den Magen: Sodbrennen, Durchfall, das volle Programm. Er müsste sich mal mehr beruhigen, mal abschalten, runterkommen, das war ihm schon klar, aber ihm lag einfach zu viel an der Aufregung, an der Action. Er fand sein Leben geil.


Er kannte weder Selbstzweifel noch Berührungsängste; überhaupt war er ein grober Zeitgenosse, eine Nervensäge, ein Arsch.


Er wäre gern ein Mann mit Mumm; mit Rückgrat und Verstand. Aber sie hatten ihn kleingekriegt, er wusste nicht mal wer oder was, aber irgendwie und irgendwann war's passiert. Dass er so verbogen schon auf die Welt gekommen war, das konnte unmöglich sein.


Seit Jahren spielte er Lotto und immer nur gewann er Kleckerkram, immer nur legte er drauf. Und nicht nur beim Lotto: Was dieses Leben ihm bereithielt, war im Grunde immer nur teuer erkaufter Kleckerkram. Aber es war das einzige Leben, das er kannte, das er sah.


Stets war er um Freundlichkeit bemüht, oft war sie vorauseilend und unterwürfig, niemals echt. Seine Furcht vor den Menschen ließ ihm keine Wahl.


Wenn ein Kollege im Kreise des Kollegiums einen erfolgreichen Witz machte, so machte Herr P. dann jedes Mal sogleich auch einen; einen Anschlusswitz, der dem Ursprungswitz eine originelle Witzhaftigkeit hinzufügen oder sogar noch oben draufsetzen sollte. Jedes Mal.


Er mochte die Menschen nicht und blieb ihnen gegenüber, auch bei gelegentlichen Momenten der Sympathie, grundsätzlich misstrauisch. Und viel zu oft behielt er damit Recht, als dass er je davon abkam. Das stetige Unbehagen nahm er in Kauf, war er gewohnt, blieb.