Sonntag, 13. September 2026

 Ihr ging es ja nicht in erster Linie darum, etwas zu sagen, ihr ging es erst mal nur ums Reden. Ihn machte das wahnsinnig und sie meinte, er solle doch mit ihr darüber reden.


Herr B., pensioniert, gutsituiert, engagiert, verstand die Welt nicht mehr. Was ihn aber in keinster Weise davon abhielt, sie anderen zu erklären – ganz im Gegenteil.


Kam er ins Reden, und das kam er oft, war er sich dann selbst der erbaulichste Zuhörer.


Je übler und zehrender die Arbeit, desto übler auch die Bezahlung. Er hatte sich damit abgefunden und wusste auch, dass er da nicht mehr raus kam. Es sei denn, ein außerordentlicher Glücks- oder Unglücksfall sorgte dafür. Und so langsam käme ihm auch das Unglück gelegen.


Kompetenz, Fleiß, Intelligenz, Eloquenz, Kontaktfreudigkeit: alles da. Aber das Entscheidende, die unabdingbare Kälte und Rücksichtslosigkeit: Nun, da konnte er nicht mithalten; da stand er in dem Gedränge vor der Karriereleiter von Anfang an auf verlorenem Posten.


Beide waren sie dumm und zänkisch und wenn sie sich mal wieder gegenseitig angifteten, schauten sie dabei in einen Spiegel, ohne es zu merken. Ohne es je zu begreifen, ihr ganzes beschissenes Leben lang.


Er erklärt, er tue es aus Mitgefühl, für ihn eine Selbstverständlichkeit. Immer wieder lässt er das hier und da in einen Nebensatz einfließen, wartet auf Anerkennung, auf Lob. Ob er es überhaupt tut, weiß man nicht. Und lügt er, so interessiert das auch schon keinen mehr.


Bier, erstmal Bier, und dann Bohnen, einen Riesentopf Bohnen, mit Zwiebeln, mit Zwiebeln und Speck, und dann wird er furzen, wieder und wieder, lustvoll und frei. Seit Jahren hat er mal die Wohnung für sich allein, das ganze Wochenende, er ist der glücklichste Mensch der Welt.


Ja, mehr Verzicht wäre klüger gewesen. Jetzt – alt, erschöpft, entnervt und mit diesem ganzen Mist am Hals – fragte er sich, was ihn bloß all die Jahre nur immerzu geritten hatte.

Sonntag, 6. September 2026

 Manchmal fragte er sich, warum er denn nun wirklich immer noch seiner längst verhassten Arbeit nachging, verwarf die Frage aber jedes Mal gleich wieder, ging er doch im Grunde deswegen Tag für Tag ins Büro, weil abseits der Arbeit nichts mehr von ihm übrig war.


In jungen Jahren fand er das Leben aufregend und lustig. Schon allein deswegen ist er froh, nicht mehr jung zu sein.


Die alten Peinlichkeiten wurde er nicht mehr los. Immer wieder kamen sie hoch, fielen über ihn her, quälten ihn bis ins Mark. Und um neue Peinlichkeiten zu vermeiden, unterwarf er sich selbst einer strengen Wachsamkeit – verlieh den Peinlichkeiten noch größere Macht über sich.


Die Arbeitskollegen erzählen viel von ihren Freizeitaktivitäten. Manche haben richtige Hobbys. Er sitzt zuhause viel auf dem Sofa. Oder in der Küche. Isst was, denkt nach, trinkt ein Bier. Aber das erzählt er den Arbeitskollegen nicht. Im Grunde erzählt er ihnen nie irgendwas.


Bei der Arbeit hatte er ausnahmsweise mal einen guten Tag, wollte sich aber nicht drüber freuen. Wollte, dass es ihm egal war. Freude würde, genau wie Ärger, eine emotionale Bindung an die Arbeit bedeuten und das lehnte er ab, durfte ihm nicht passieren – nicht bei diesem Unfug.


Er läuft nie irgendwo nackt herum, nicht mal allein in seiner Wohnung, er kommt sich lächerlich vor mit diesem Pimmelmann da an sich dran. Nicht dass er unterdurchschnittlich bestückt wäre, nein, nein, aber 'n lächerlicher Pimmelmann bleibt nun mal 'n lächerlicher Pimmelmann.


Bei der Frage nach seinem Alkoholkonsum zögerte er. "Gelegentlich" – stimmte, "Regelmäßig" – stimmte auch. Also kreuzte er "Nie" an.


Er war in sich gekehrt, nachdenklich, empfindsam. Was er erlebte, verfolgte ihn oft lange Zeit und so ging er Vielem möglichst gleich aus dem Weg. Einige meinten, er sei zu nachgiebig, zu labil, zu feige – denn sie hatten ja keine Ahnung, keinen blassen Schimmer hatten sie.


Mitmachen, er solle mitmachen. Damit er nicht immer so einsam ist, sagten sie, damit er auch mal fröhlich ist. In Wahrheit wollten sie es natürlich in eigener Sache, wollten sich bestätigt sehen – duldeten sie keinen Sonderling in ihren Reihen.

Sonntag, 30. August 2026

 Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, dem kann schließlich alles Mögliche passieren, das kann böse enden. Und das Risiko ging er nicht ein, zu keiner Zeit, er lebte sein Leben mit geschlossenem Fenster, gardinenverhangen, im Mief eines ewigen Trotts.


Aber was nützt dir denn noch die halbe oder dreiviertel oder von mir aus auch ganze Million, wenn du schon für 'ne Bratwurst und 'n Pils bald 10 Euronen hinblättern musst, ist doch alles nur noch relativ heute, völlig anders als wie früher, wo 'n Millionär noch 'n Millionär war.


Er mochte die Menschen nicht, kam nicht zurecht mit ihnen, sah immer sofort deren Falschheit, oft auch Verlogenheit und dann noch die Eitelkeit, überall diese Eitelkeit, das wurmte ihn, stieß ihn ab, sah er sich doch immerzu mit sich selbst konfrontiert.


Nein, er braucht und will das nicht mehr, für ihn ist das alles längst gegessen. – Gegessen, verdaut und ausgeschieden. Und weggespült. Aber stets kommen sie damit wieder auf ihn zu und setzen es ihm wieder vor. Tag um Tag. Ja, so ein Berufsleben ist wahrhaft kein Wunschkonzert.


Und da entschied er sich – ganz aufgeregt war er – für ein Leben als Künstler. Die Gefahr der Armut sah er durchaus, stellte sich das aber romantisch und abenteuerlich vor. Auch hatte er ja seine gutverdienenden Eltern, die würden ihn nie im Stich lassen. Das Leben war großartig.


Dann aber stieg er hinab in die Welt der Social-Media-Kommentare und ward nie mehr gesehen.


Zeitlebens war er der Überzeugung, dass im Grunde alles, was andere hinbekamen, er auch früher oder später hinbekommen würde. Ernsthaft mal ausprobiert hatte er es nie, fühlte er sich doch stets ausgesprochen wohl mit seiner Überzeugung, er war ja nicht bescheuert.


Er hatte immer schon ganz gern einen getrunken, früher aus Spaß, dann aber auch aus Langeweile oder aus Gewohnheit oder zum Trost, er war da immer recht flexibel, das Leben verändert sich nun mal und da muss man sich dann drauf einstellen, ob's einem nun passt oder nicht.


Mit Ende 50 war's dann soweit: Der Alkohol schadete ihm mehr, als er ihm gab. Als Genussmittel war er noch zu gebrauchen, mal ein kaltes Bier nach einem harten Tag, mal ein Glas Wein zum Abendessen und das war's dann aber auch schon. Ja, er kam nun so langsam ins heiratsfähige Alter.


Er mochte die Tage, an denen nichts passierte. Hatte Frieden geschlossen mit seinem Trott. Was sollte er mit all dem Getöse und Gehabe da draußen, mit irgend so einem Quark, den er so oder so ähnlich ohnehin schon zigmal mitmachen musste? Nein, er blieb nun drinnen; bei sich.

Sonntag, 23. August 2026

 Schon kurz nach dem Hallo kamen sie dann wieder auf ihre Gebrechen und Krankheiten zu sprechen. Bei dem Thema fühlten sie sich am wohlsten.


Sie war hübsch und er machte sich Hoffnungen, Illusionen. Da ahnte er noch nichts von den rigiden Auswahlkriterien der Frauen, wusste er noch nicht, wo im Leben sein Platz war. Sein Glück, denn nach dem Schwelgen in Illusionen kam für ihn nicht mehr viel, im Grunde gar nichts.


Zeitlebens hatte er keine Freundin, keine Partnerin. Eine Zeit lang war er ins Bordell gegangen, immer zu der gleichen Frau, hatte sich für einige Minuten eine Umarmung gekauft, ein Beieinanderliegen. Keinen Sex, dazu kam es nicht, ihr war sofort klar gewesen, was er brauchte.


Sie redet und redet, erzählt ihm Belanglosigkeiten. Ohne Punkt und Komma. Ohne Pointe. Das Reden ist ihr ein Bedürfnis. Bevor sie ein Paar wurden, kannte er sie lange genug, er wusste, worauf er sich einließ und doch fühlt er sich nun um seine Zeit, um sein Leben betrogen.


Nicht nur die Kleidung, sein ganzes Auftreten war unangemessen – aufdringlich, schrill, er wollte Beachtung, Aufmerksamkeit. Und sein Thema, seine Botschaft, das war dann jedes Mal und schon immer er selbst.


Zu der Firmenfeier in der für den Abend angemieteten Rooftop-Eventlocation hatte man im Businesslook zu erscheinen. Er hasste alles daran, alles.


Er rotzt seinen Schleim auf den Bürgersteig, schneidet sich schon mal seine Fingernägel in der Regionalbahn, rülpst, weil er das witzig findet und lacht viel über andere. Sollten Sie ihm begegnen, so sagen und empfinden Sie am besten nichts.


Bei der Suche in dem Haushaltswarengeschäft befand er sich in der Nähe der Kasse und bekam so mit, dass die Kassiererin nach jedem Kassiervorgang jedem Kunden viel Freude mit der soeben erworbenen Haushaltsware wünschte. So dann auch ihm mit den zwei Topflappen.


Aber so lief das bei ihm schon ewig und drei Tage, die Aussicht auf die Wochenendsauferei half ihm über die Arbeitswoche und die Sauferei dann übers Wochenende.

Sonntag, 16. August 2026

 An seinem letzten Arbeitstag schenkten sie ihm eine Flasche Wein und eine Karte mit den Unterschriften des gesamten Kollegiums. In all den 38 Jahren hatte er nie jemandem gesagt, dass er Wein nicht ausstehen konnte. Und auch die Karte warf er noch auf dem Heimweg in den Müll.


Seine Scherze sorgten für peinliche Momente und für Witze fehlte ihm erst recht jegliches Talent, aber er konnte es nicht lassen. Sein, wie er sie immer nannte, Frauchen schämte sich für ihn. Nun, er war da weniger empfindlich, amüsierte sich, fühlte sich prächtig, sauwohl.


Auch sie kaufte dann zunehmend Öko- und Bioprodukte, Fair-Trade. Ohne davon wirklich überzeugt zu sein. Ihr ging es um die Exklusivität ihres Einkaufs, ihr gesellschaftliches Ansehen. Da, wo sie wohnte, war sie wer. 


Von den beiden war er der Fleißige, der Zuverlässige, und sein guter Ruf nahm ihn mehr und mehr in die Pflicht. So langsam wurmte ihn das und da wusste er nicht mal, dass sie sich ja auch über ihn das Maul zerrissen. Über was anderes eben. Seinen immer so mürrischen Blick etwa.


Nein, es geht nicht, ich kann nicht. Von Montag bis Freitag muss ich arbeiten. Am Samstag will ich dann für mich sein. Und am Sonntag bin ich depressiv. Vielleicht irgendwann mal.


Herrje, wie sie alle wieder meckern! Und dann die anderen wieder über die Meckerer meckern ...

Sonntag, 2. August 2026

 Die stellten mich tatsächlich ein und gleich in der ersten Woche musste ich auf der Facebookseite der Firma zu so einem Foto von mir die Behauptung aufstellen, dass ich mich auf die Arbeit freue. Was für eine verlogene Scheiße das doch alles war!


Er wohnt außerhalb, muss pendeln. Wie ein gefangenes Tier, das in einem ewigen Hin und Her seinen Käfig abschreitet, dachte er neulich auf dem Weg zur Frühschicht und die Bitterkeit des Vergleichs gefiel ihm – gefällt ihm immer noch. Es ist seine Art, sich zu wehren.


Er hielt sich für klug, klüger als die meisten, und war der festen Überzeugung, dass die Leute gut beraten wären, würden sie auf ihn hören. Dass die das aber nicht taten, trieb ihn regelmäßig zur Weißglut, machte ihn irre. Nein, der klügste war er nicht gerade, wirklich nicht.


Mit der Toleranz ist es doch aber so wie mit der Liebe: Sie verträgt keinen Imperativ.


Es war endlich der letzte Arbeitstag dieses Kollegen und er wünschte ihm alles Gute, obwohl das keineswegs stimmte. Er war entschlossen gewesen, es ihm nicht zu sagen und war nun doch eingeknickt und so langsam fürchtete er, dass die Falschheit ihn niemals loslassen wird.


Seine Frau hielt ihn auf Trab: Besorgungen machen, Wege erledigen, Sonderangebote, Reparaturen – immer wieder Kleinlichkeiten im Alltäglichen. "So kommt er mir nicht auf dumme Gedanken", scherzte sie. Er ließ es mit sich machen, hatte selber nichts mehr vor.


Nein, er misstraute ihm, der ganzen Partei misstraute er. Wie ja im Grunde inzwischen allen Politikern. Außer den Extremisten, den rechten wie den linken, denen misstraute er nicht, nur wählte er die ja auch nicht.


Wieder stellte er sich vor, er wirft am Wochenende seine alte HiFi-Anlage an, kippt jede Menge Bier und legt die alten Platten auf. Doch wusste er ja längst, dass es nicht mehr funktionierte. Dass sich die Zeit nicht zurückdrehen ließ, auch mit all den Accessoires nicht.


Er redete nicht viel und auf seine Untätigkeit war Verlass. Ein angenehmer Mensch, im Umgang entspannend, inspirierend. Warum eigentlich waren nicht mehr Menschen wie er, warum und für was waren die meisten nur immer so lebhaft, so emsig, so nervtötend?


In seinen Tagträumen war er bedeutsam, ein brillanter Geist, schlagfertig, witzig, großzügig, ein Frauenheld. Und da, wo er jetzt arbeitete, hatte er viel Zeit zum Träumen. Als hätte er sich diese Erwerbstätigkeit allein aus diesem Grund ausgesucht. Um seine Träume zu träumen.

Sonntag, 26. Juli 2026

 "Altes Brot ist nicht hart. Kein Brot, das ist hart." war der Lieblingsspruch seiner Mutter. Und als er 14 wurde, schenkte ihm sein Vater den gerahmten Spruch "Arbeit sei dir dreierlei: Nährer, Freudenbringer und Arznei!" und dübelte ihn ihm ins Kinderzimmer übers Bett.


Nein, er hörte nicht auf sein Herz, da hörte er nichts. Er hörte auf seinen Magen, sein Gedärm. Durchfall etwa, Verstopfung oder Sodbrennen – das waren klare Ansagen, damit ließ sich was anfangen.


Er ist ein zurückhaltender, schweigsamer Mensch, möchte er doch nichts sagen, was er nicht auch denkt. Und von Jahr zu Jahr wird er schweigsamer, zurückhaltender, erträgt er auch das Getue und Gerede der Leute immer schlechter, diese Selbstverständlichkeit der Falschheit.


Und dabei war sie nicht mal verlogen, nur falsch. So durch und durch falsch, dass sie aufs bewusste, plumpe Lügen überhaupt nicht angewiesen war.


Er betonte sie nicht, brachte seine guten Taten aber immer mal wieder gern in Nebensätzen unter. Und auch sonst war er ein recht schmieriger Typ.


Kam er von der Arbeit, erwarteten ihn keine Kinder, keine Frau. Dafür ein paar Bier im Kühlschrank. Er war nicht glücklich darüber. Aber auch nicht unglücklich. Er hatte längst aufgehört, darüber nachzudenken. Aber das ewig zwieträchtige Eheleben seiner Eltern immer noch vor Augen.


Schicksalsergeben und kleinlaut sitzt er in der Damenabteilung in einem der Clubsessel bei einem Glas Wasser und wartet darauf, dass seine Frau ihren Einkauf beendet. Es sitzen noch zwei Männer dort, genau wie er, einer sogar mit Vollbart und tätowiertem Nacken.

Sonntag, 19. Juli 2026

 Er war lebensmüde, nicht suizidgefährdet, einfach nur lebensmüde. Seine Frau verstand das nicht und machte ihm wieder mal irgendwelche Vorwürfe. Er winkte ab und legte sich auf die Couch. Er mochte die Couch – mehr als seine Frau. Aber auch darüber verlor er nie ein Wort.


Er ging zur Arbeit und machte sich nichts vor, sein Leben war wie ein Spiel um Platz 3: Es interessierte keinen und es ging um nichts, im Ganzen gesehen eine alberne und durch und durch ermüdende Angelegenheit.


Aber dieses sympathische, zustimmende Lachen schenkte sie ja jedem! Und auch noch zu so ziemlich allem! – Es ist eine Schande, ein Elend, man weiß nie, woran man bei den Menschen ist. Am ehesten noch bei den unangenehmen, den dummen und dreisten, die verstellen sich am wenigsten.


Das Parfüm, das er ihr schenkte, das er stets jeder Partnerin geschenkt hatte, war das Lieblingsparfüm seiner Mutter gewesen.


Nie käme er auf die Idee, dass er anderen vielleicht gerade auf die Nerven geht, nie fühlt er etwas anderes als sich selbst, stolz betrachtet er die Welt und, sofern überhaupt, verständnislos die Mitmenschen; ihm geht's gut, prächtig – ja, er könne nicht klagen, sagt er immer.


Er hat keine Meinung dazu, so wie immer, hält sich raus und das nehmen sie ihm übel im Kollegium. Er soll gefälligst mitmachen bei ihren Spielchen, ihren Allianzen, Intrigen. – Im Grunde wie in seiner Kindheit in der örtlichen Kinderbande, die sich im Krieg befand mit der Nachbardorfbande.


Seine Arbeit langweilte ihn, nervte ihn und er freute sich auf den Alkohol am Wochenende; so lang hielt er's immer noch aus. Und dann ging's wieder von vorn los. So hatte er sich's eingerichtet, so ertrug er's halbwegs. Er war nun mal kein Geistesmensch. Oder Familienmensch.


Er misstraut aber einer Sympathie, die in tönenden Worten bekundet wird. Nicht nur, dass sie wenig oder nichts aushält, schlägt sie doch auch schon mal gern beim geringsten Anlass in ihr Gegenteil um.

Sonntag, 12. Juli 2026

 Gleich muss er wieder zur Arbeit, ins Büro, das wütende Getippe seiner Bürokollegin ertragen, die Sinnlosigkeit ertragen, das Telefon, den Widerwillen, die Perspektivlosigkeit. Er ahnt es, weiß es: Wenn er in elf Jahren in Rente gehen darf, ist nichts mehr von ihm übrig.


Immer häufiger ging er auf Arbeit auf Toilette ohne zu müssen. Um für sich zu sein. Um für ein paar Minuten seine Ruhe zu haben. Aber selbst das bekamen sie dann irgendwann mit und hielten es ihm vor. Zu Hause mit seiner Frau war's das Gleiche gewesen.


Nicht an der Arbeit, am Berufsleben verzweifelte er. An dem Getue, dem Theater, den Spinnern, die sich dort auslebten, sich aufspielten, als gings um Gott weiß was. – Und je unwichtiger, je unnötiger alles war, umso mehr spielten sie verrückt.


Ein freundlicher junger Mann: adrett, höflich, zugewandt; in seinen Äußerungen ausschließlich positiv, jedem in allem zustimmend – keineswegs vertrauenswürdig.


Aus der kindlichen Grausamkeit ist er dann doch noch zeitig rausgewachsen. Um sozial zu funktionierten. Die Egozentrik hingegen hat er nie abgelegt, lediglich kaschiert – mit schönen Worten. Oder demonstrativen Handlungen. Wie man das eben so macht. Wie sich's nun mal gehört.


Nach der "Arbeit" – oder wie auch immer er das bezeichnen sollte – machte er stets noch einen langen Spaziergang, einen großen Umweg auf dem Weg nach "daheim".


Im Wissen um seine Nachgiebigkeit gegenüber der Niedertracht und Falschheit der Leute zog er sich mehr und mehr zurück. Sich aufzuregen oder gar aufzubegehren angesichts dieser Übermacht wäre aussichtslos, lächerlich – womöglich noch abfärbend.


Er war stets freundlich, nett, vor allem aber nachgiebig, auch bei den falschen Leuten. Es verspürte da immer so eine Müdigkeit, so eine innere Schlaffheit, wenn sich mal wieder so ein Arsch vor ihm aufbaute. Nun, das war dann eben seine Art, solche Leute auflaufen zu lassen.


Sie schenkten ihm ein T-Shirt. Mit so einem Spruch darauf, von dem sie meinten, dass er zu ihm passe wie "Arsch auf Eimer". Und erwarteten nun, nicht ohne eine Spur von Gehässigkeit, dass er es auch trug. Er spielte mit, wusste um seine Stellung, seine unterwürfige Abhängigkeit.


Zu allem entwickelte er angstbesetzte Katastrophen-Szenarien, litt vorab, um sich vorzubereiten. Oder um sich dann besser zu fühlen, wenn die Katastrophe ja doch nicht eintrat – was aber nie funktionierte, war er doch in Gedanken auch schon längst bei einer neuen Katastrophe.


Beim Abwerten und Verurteilen war er immer schnell dabei; so, wie man lange darauf warten konnte, dass mal ein Lob über seine Lippen kam. Und dass sich unter der harten Schale ein weicher Kern befand, ließ sich auch nicht über ihn sagen. Die Grabrede war dann auch eher formell.

Sonntag, 5. Juli 2026

 Dröge Bürotage, schon mit Blick auf die bei ihm zu dieser Zeit jedes Jahr anstehende 14-tägige Pauschalreise – mit seiner schnippischen Frau. Und seinen neuen C&A-Bermudashorts.


Trägheit schwebte ihm vor, Gelassenheit. Den Stress hatte er jedenfalls satt, gerade den selbst gemachten, diese Ungeduld und Hektik in einem drin. Er hoffte da auf sein Alter; wenn im Alter schon alles beschissener wird, so könnte es ja zumindest das mal für ihn tun.


In seiner Kindheit waren die Sommer endlos, es war Magie, Lebenslust. Nun, die Magie ist weg, der Sommer nichts als eine jahreszeitliche Gegebenheit. Und die Lebenslust hat er eingetauscht gegen eine Arbeitswut. Weil man ja sehen muss, wo man bleibt, weil es sich rechnet.


Das Leben hatte nach und nach einen Ekel aus ihm gemacht, einen verständnislosen Arsch, der sich mit den Leuten anlegt. Und es war das Leben, das er genau so gewollt hatte, das er sich mühevoll erarbeitet hatte.


Der Tausch der Unseligkeit des Habenwollens gegen das Glück des Verzichtenkönnens war dann nicht mal 'ne große Sache gewesen, er hatte einfach nur erstmal darauf kommen müssen.


Ein Vergnügen ausgerechnet in einem Vergnügungspark suchen – auf einem Rummelplatz; umringt von zum Vergnügen entschlossenen Menschen.


Angesichts so mancher Boshaftigkeit hoffte er dann auf so etwas wie ein Karma; glaubte aber ja eher an eine allumfassende Gleichgültigkeit. Das mit dem Karma war zu naheliegend, zu menschlich. Längst hatte er sich im Grunde auch schon mit der Gleichgültigkeit arrangiert.


Sein Denken an den Tod ist angstbesetzt, nie ist es ihm in den Sinn gekommen, den Tod als Selbstverständlichkeit und Erlösung zu betrachten. Auch nie hat er sein Restleben mal vom Ende her bedacht. Gestern ist er 80 geworden und seit nun 20 Jahren hat er Schiss, nur noch Schiss, rennt er von Arzt zu Arzt.

Sonntag, 21. Juni 2026

 Früher hatte er Ambitionen, jetzt hat er Routinen, dreht seine Runden in seiner kleinen Welt, macht sich nichts mehr vor; sieht dafür nun umso mehr im Unspektakulären, Alltäglichen, weiß um sein stilles Glück.


Er war 'ne Arschgeige. Sie 'ne Gewitterziege. Und ihr Sohn und ihre beiden Töchter, das waren zweifelsohne ihre Nachkommen. Allesamt kamen sie nicht los voneinander, hockten ewig beisammen, brüllten und gifteten sich an. Weil's das Normalste auf der Welt war.


Nun, was ihn betraf, so konnte er sagen, dass es ja nur seine Geilheit gewesen war, sein Verlangen nach ihrem Körper – und dann hatte er dann das Malheur. Was sie an ihm gefunden hatte, wusste er nicht. Sie hatten da ja nie drüber geredet, die ganzen 57 gemeinsamen Jahre nicht.


Er ist jetzt Ende 40, arbeitet irgendwo, wird langsam übergewichtig, wirkt abweisend, übellaunig, ist allein. Interessen hat er groß keine. Eine Zeit lang hat er mal DVDs gesammelt, die stehen jetzt im Wohnzimmer. Im Wandschrank. Was das alles überhaupt soll, weiß er auch nicht.


Und doch alles nur wieder so ein Tun für ein so oder so vertanes Leben.


Er sprach gehemmt, war gehemmt, wich auf Floskeln aus, kicherte verlegen. In seinem Kopf spielten sich derweil Dramen ab: Scheusale, die ihn beäugten, ihm ans Leder wollten, lauerten; der kleinste Fehler und er war erledigt. Er war halt so – und die Menschen doch im Grunde auch.


Er schlenderte gern durch die Warenhäuser. Nicht wegen der Waren. Die traurig heitere Absurdität des Ganzen gefiel ihm, die Atmosphäre der enttäuschten Erregung.


Immer wieder ließ er sich dann doch zum Kaufen verführen, knüpfte wider besseren Wissens irrsinnige Vorstellungen an profane Gebrauchsgüter. Meistens ging es dabei um Eitelkeit. Und im Grunde immer um Langeweile.

Sonntag, 14. Juni 2026

 Und immer dieser Drang dazuzugehören, mitzumachen, Teil der Mehrheit zu sein, mitzuschwimmen in der Masse – das war doch furchtbar, er verstand das nicht. Er zog es ja vor, in Ruhe ein Bier zu trinken. Das war doch das beste überhaupt: in Ruhe ein Bier zu trinken, oder zwei.


Er ist voller Wut und auch Hass, unterstellt anderen seine Denkweise, seine Gefühle, sieht sich bei jeder Kleinigkeit provoziert und bedroht. Eine wirklich unangenehme Art zu leben hat er sich da ausgesucht. Oder andrehen lassen. Gut, letztlich muss er es ja selber wissen.


Wie oft hatte er in seinem Leben nun schon freundlich gelächelt und gedacht: "Du dumme Sau", "Du blöde Kuh"! – Gerade bei der Arbeit, da war das doch sein täglich Brot, sein Mindset. Und ja auch seine sympathischen Lachfalten, die waren schließlich nicht vom Himmel gefallen.


Er äußerte und verhielt sich entweder plumpvertraulich oder aggressiv bedrohlich, genoss es, wenn er jemanden einschüchterte, spürte permanent den Helden in sich. Bei der Arbeit allerdings, da war er recht handzahm, unauffällig – da stand fest, was er zu tun hatte und was er war.


Irgendwann hatte er dann das unumstößliche Gefühl, dass nun alles so in seinem Leben verlief, wie es für ihn vorgesehen war. Dass er im Grunde genau das erhielt, was ihm zugedacht war – und ihm zustand. Und das warf verflixt noch eins kein schmeichelhaftes Licht auf ihn.


Beseelt von kindischem Habenwollen; zeitlebens ein Kind.


Er ging Konflikten nicht aus dem Weg, aber nie wurde er dabei laut oder gar aggressiv. Er hatte das von seinem Vater gelernt, der zeitlebens ein würdeloser Choleriker war.


Als er es endlich geschafft hatte, sich von ihr zu trennen, betrank er sich. Wochenlang betrank er sich und alles war so ruhig und friedvoll um ihn herum. Und wie er wieder nüchtern wurde, da war es immer noch so ruhig und so friedvoll und so lebte er dann glücklich und zufrieden.

Sonntag, 7. Juni 2026

 Scheidung kam für sie beide nicht in Frage, wegen der Leute. Und so blieben sie vereint; in Gezänk, kleingeistiger Rechthaberei und stetig wachsender Aversion.
Sie überlebte ihn, um viele Jahre, sah sich als Gewinnerin.


Ja, manchmal – sogar häufiger als man glaubt – da passt es einfach; da ist dann jemand doch tatsächlich innerlich genau so abstoßend wie äußerlich.


Er hörte es gern, wenn sich das Pärchen in der Wohnung nebenan stritt und anschrie. Sie gingen ihm oft genug mit ihrem Gepolter und dem aufgedrehten Fernseher auf die Nerven, da war es nur gerecht, dass sie ihn auch mal unterhielten, ihm was boten, ihn mitnahmen.


Gegenüber seinen Mitmenschen war er gehässig und gutmütig zugleich, gehässig in Gedanken und doch gutmütig im Handeln. Und das erlebte er als das Normalste der Welt, dachte da auch nie groß drüber nach, den anderen ging's ja doch genauso.


Er hatte studiert, irgendeine geisteswissenschaftliche Nutzlosigkeit, und war nun da gelandet. Produktionshelfer. Inmitten von Malochern, die ihn verhöhnten. Und jetzt saß er in seiner 1-Zimmer-Wohnung, betrunken, und starrte auf sein BILLY-Regal mit all den Fachbüchern drin.


Bei jeder Gelegenheit glaubte er witzig sein zu müssen und trat dabei von einem Fettnäpfen ins nächste, verscherzte es sich früher oder später mit jedem. Dabei meinte er es niemals böse oder zynisch, er wusste sich einfach nur nicht anders zu helfen.


Er hat immer noch die Sauferei und die anderen Eskapaden seiner Jugendjahre im Hinterkopf. Alles, was danach kam, erscheint ihm fad, vernünftig, bedeutungslos. Nun, es gibt kein Zurück, aber seine Trantütenexistenz jetzt all die Jahre schon: Ist das jetzt die Endstation?


Seit nun etwa drei Jahren war er weg von der Flasche, trank er nur noch aus Dosen.


Manchmal fielen ihm plötzlich die Namen von alten Bekannten ein, an die er schon jahrelang nicht mehr gedacht hatte, und dann googelte er, was aus denen geworden war. Am besten waren diese LinkedIn-Profile, die amüsierten ihn jedes Mal, gaben ihm grundsätzlich ein gutes Gefühl.


Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass er zugleich mit der altersbedingten Eintrübung seiner Augen einen immer klarer werdenden Blick entwickelte, mehr sah, mehr erkannte. Was die zunehmende Müdigkeit in ihm aber auch nicht aufhielt, eher noch förderte.


Seit vielen Jahren isses bei ihm aber bei allem nicht mehr wirklich ein "Na, dann will ich mal", immer nur noch mehr so ein "Na, dann muss ich wohl". – Aber vielleicht verkehrt sich das dann ja wieder auf'm Sterbebett.

Sonntag, 31. Mai 2026

 Er hatte es verkackt, war gescheitert, beruflich wie privat, quälte sich selbst tagein tagaus mit Vorwürfen und peinlichen Erinnerungen. Und schaute er auf anderer Leute Leben, so sah er da bloß eine andere Art von Beschisssenheit. Nein, für ihn war das alles nichts.


"Familienstand?" - "Geschieden, allein, am Arsch", antwortete er, "aber immerhin hab' ich meine Ruh', wissen S', immerhin hab' ich meine Ruh'."


Abgesehen von einer kurzen Phase pubertärer Auflehnung tat er immer, was von ihm erwartet wurde: übernahm den väterlichen Betrieb, heiratete standesgemäß, war tüchtig. Erst im hohen Alter wurde er dann wieder kurz störrisch; als er realisierte, dass es das nun für ihn gewesen war.


Sein Leben schlug ihm mehr und mehr auf den Magen: Sodbrennen, Durchfall, das volle Programm. Er müsste sich mal mehr beruhigen, mal abschalten, runterkommen, das war ihm schon klar, aber ihm lag einfach zu viel an der Aufregung, an der Action. Er fand sein Leben geil.


Er kannte weder Selbstzweifel noch Berührungsängste; überhaupt war er ein grober Zeitgenosse, eine Nervensäge, ein Arsch.


Er wäre gern ein Mann mit Mumm; mit Rückgrat und Verstand. Aber sie hatten ihn kleingekriegt, er wusste nicht mal wer oder was, aber irgendwie und irgendwann war's passiert. Dass er so verbogen schon auf die Welt gekommen war, das konnte unmöglich sein.


Seit Jahren spielte er Lotto und immer nur gewann er Kleckerkram, immer nur legte er drauf. Und nicht nur beim Lotto: Was dieses Leben ihm bereithielt, war im Grunde immer nur teuer erkaufter Kleckerkram. Aber es war das einzige Leben, das er kannte, das er sah.


Stets war er um Freundlichkeit bemüht, oft war sie vorauseilend und unterwürfig, niemals echt. Seine Furcht vor den Menschen ließ ihm keine Wahl.


Wenn ein Kollege im Kreise des Kollegiums einen erfolgreichen Witz machte, so machte Herr P. dann jedes Mal sogleich auch einen; einen Anschlusswitz, der dem Ursprungswitz eine originelle Witzhaftigkeit hinzufügen oder sogar noch oben draufsetzen sollte. Jedes Mal.


Er mochte die Menschen nicht und blieb ihnen gegenüber, auch bei gelegentlichen Momenten der Sympathie, grundsätzlich misstrauisch. Und viel zu oft behielt er damit Recht, als dass er je davon abkam. Das stetige Unbehagen nahm er in Kauf, war er gewohnt, blieb.

Montag, 25. Mai 2026

 Im Laufe der Jahre kochte sie ihrem Mann einen üppigen Wanst an und quasselte ihm die Eier ab. Und dann machte sie sich über ihn lustig. Von ihm hörte man in dieser Angelegenheit nur wenig bis gar nichts.


Die ergrauten und reichlich ausgedünnten Haare trug er immer noch lang, die alte Lederjacke hatte er auch noch und am Bierstand auf der Dorfkirmes mimte er vor den anderen wieder mal den glücklichen, gewieften Junggesellen.


Wenn überhaupt las er Biografien. Von Berühmtheiten, von bedeutenden Künstlern, Musikern, Schauspielern. Dabei suchte er nach Parallelen zu sich und seinem Leben. Und irgendwas fand er immer, immer war da was – keine Frage, er gehörte dazu, es war nur eine Frage der Zeit.


Jeden Morgen beobachtete er, wie seine arbeitslose Nachbarin statt wie er zur Arbeit entspannt mit ihrem Hund rausging. Und jedes Mal spürte er diese Wut, diesen Hass. Nun verhielt es sich allerdings so, dass ihn sein Leben bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit so wütend machte.


Er hatte durch einen glücklichen Umstand einen gewissen Reichtum erlangt, neigte zur Prahlerei und zur Arroganz. Und er wohnte und lebte immer noch hier bei uns, hier im Dorf, und das sollte ihm schon bald das Genick brechen.


Jeden Freitag zum Kaffeetrinken durchblättert er seit Jahren die neue Hörzu. Nur noch Wiederholungen, sagt er dann, immer das Gleiche, sagt er – jedes Mal, jeden Freitag, immer zwischen 16:00 und 16:30 Uhr.


Er war aktiv, sein Leben lang, hatte gearbeitet, wenn nicht auf Arbeit, dann zuhaus'; immerzu gearbeitet. Und nur das hatte ihm, wie er's auszudrücken pflegte, den Arsch gerettet. Es hatte ihn immerzu abgelenkt und nur so gings, nur so war ihm 's Leben möglich gewesen.


Längst hatte er sich in einen routinierten Alltag zurückgezogen. Seinem Leben, wie es eine Bekannte ihm kürzlich riet, nochmal Leben einzuhauchen, erschien ihm abwegig, albern, hatte er doch schon längst genug vom Leben. Dem Trubel. Dem ganzen faulen Zauber.


Imagefantasien angesichts einer Hose, einer Jacke, eines T-Shirts; das Leben verpackt in Einkaufstüten.

Sonntag, 17. Mai 2026

 Seine großflächigen und aufwendigen Tätowierungen erzählen Geschichten von großen Schlachten, Monstern, Heldenmut und Tod. Sein wahres Leben verläuft natürlich nicht so aufregend, er arbeitet bei der Allianz. Aber auch da ist ihm schon das ein oder andere Ding passiert.


Die Tage auf'er Arbeit zieh'n sich und die Jahre rasen dahin. Was für ein Elend! Aber was willste machen, irgendwo muss die Marie ja herkommen, willst dich ja nicht durchfüttern lassen, das wär' ja nun auch nix – ach, ein Elend isses, eine Teufelei, so oder so.


Er ist fasziniert von Waffentechnik. Schon als Kind war er das. Sie ist seine große Leidenschaft, sein Hobby. Als junger Mann hatte er immer  sein Erspartes in Rheinmetall investiert, aus Überzeugung, und so hat er jetzt viel Zeit für sein Hobby. Er liebt alles daran.


Aufwachen, den Arsch hochkriegen und ihn routiniert in Bewegung setzen, Tag um Tag – für diesen Unfug, nur noch für diesen Unfug.


Mit den eigenen Gedanken hatte er sich vergiftet, nach und nach vergiftet; zunächst seinen Geist und schließlich sogar seinen Körper. Tja, hätte er mal lieber ab und an ein paar Bier gezischt und einfach mal fünfe gerade sein lassen, aber so clever war er nicht.


Die Leute lieben oder hassen mich, sagte er voller Stolz und Ernsthaftigkeit. Dass er den allermeisten Leuten völlig egal war, auch bei denen, die ihn kannten, lag außerhalb seines Vorstellungsvermögens.

Sonntag, 10. Mai 2026

 Sie redet und redet, immerzu redet sie, ohne Punkt und Komma – redet, um jedem Gespräch auszuweichen.


Ermüdet hörte er sich den Floskeloptimismus der Betriebsleitung an und nickte höflich. So lief das eben, er als einfacher Angestellter musste die Scheiße ausbaden und die mussten sie schönreden.


Er arbeitete daran, sich innerlich unabhängig von den äußeren Gegebenheiten zu machen. Unbekümmert wollte er sein, befreit, ein Stoiker, der sich abfand mit dem, was sich nicht ändern ließ – und am besten auch gleich mit dem, was sonst noch so alles war.


Kurz nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, legte sie sich eine neue Frisur zu. Dann ging sie auf Diät, nahm zusehends ab und erschien immer häufiger in körperbetonender Kleidung bei der Arbeit. Da fing dann die Lästerei über sie an.


Seine Arbeit war für ihn eine reine Erwerbstätigkeit, ein notwendiges Übel, von Anfang an. Mochten andere sonst was in ihr sehen und sonst was behaupten, er ließ sich da nichts weismachen, ließ sich in nichts reinziehen, auch wenn sie's wieder und wieder versuchten.


Er konnte gut mit Worten umgehen, mit Menschen weniger. Die Menschen waren ihm zuwider oder gleichgültig – und seine Worte ausschließlich leer und manipulativ.


Als Kind hatte er das letzte Mal geplärrt und um sich getreten. Wenn ihm jetzt was nicht passte, zog er vielleicht mal ein Gesicht und schon das war ihm dann peinlich. Seine Scham gegenüber der Lebendigkeit hatte ihn im Griff, ließ nichts zu, machte ihn kleiner und kleiner.


Frustriert war er, unleidlich. Weil er Spaß haben wollte. Spaß! Mit jetzt fast 50 Jahren! Womöglich noch auf dem Rummelplatz. Nein, ihm war nicht zu helfen, da war nichts zu machen.


Billige Wegwerfmode wohin man schaut; Klamotten, Attitüden, Gesinnungen – suchen Sie sich was raus, seien Sie nicht wählerisch!


Er lebte allein, zurückgezogen, war depressiv. Seine Depression führte er auf das langjährige Alleinsein zurück und sehnte sich nach einer Beziehung. Immer öfter jedoch stellte er sich vor, er befände sich in einer glücklichen Beziehung und wäre dann immer noch depressiv.


Nun aber hatte er eine größere Freude daran, Dinge wegzuwerfen, sie zu entsorgen – ja, entsorgen war das richtige Wort – als sich neue anzuschaffen. Er war jetzt in dem Alter angekommen, sah es ein; all der Kram, das ganze Zeug: es half ja doch alles nichts.

Sonntag, 3. Mai 2026

 Sie reden davon, wie sie es sich schön machen, ständig reden sie davon: schön ausschlafen, schön frühstücken, schön spazieren gehen, schön essen gehen, schön Kaffee trinken …  Es fällt ihm schon schwer ihnen zuzuhören, müsste er ihr Leben führen, wäre das die Hölle für ihn.


Ein Leben in Sicherheit und Wohlstand, Lebensphasen als Gedankenspiele, nichts Ernstes, nichts von Bedeutung.


Der Nachbar unter ihm war so Mitte, Ende 40, lebte von Sozialhilfe, machte die Nacht zum Tage, hörte Musik, soff, vögelte mit seiner Freundin so lauthals, wie er mit ihr stritt. Hörte man ihn reden, war schnell klar, dass er dumm war. Aber irgendwo hatte er ja recht.


Wein mochte er nicht und beim Schnaps wurde er zu oft vom Rausch überrannt. Bier war besser. Wenn's ging, hielt er sich ans Bier. Ihm gefiel auch das Bodenständige daran. Bier sei 'ne ehrliche Sache, sagte er immer, ganz im Gegensatz zum Menschen. Und so hielt er sich ans Bier.


Er war nicht der geborene Verlierer; das hat er im Lauf der Zeit schon gut selber hingekriegt.


Ranklotzen musste er, sich stressen lassen, seine Zeit opfern. Damit er sich irgendeinen Scheiß kaufen konnte. Damit er sich in einer zweifelhaften Sicherheit wiegen konnte. Vor allem aber damit er sich irgendeinen Scheiß kaufen konnte.


Irgendwie fand er, dass sie von Tag zu Tag mehr und mehr Blödsinn redete. Er begehrte sie weiterhin, wägte aber schon ab, rechnete nach.

Sonntag, 26. April 2026

 Die Vorsichtigen und Zaghaften, die Behutsamen, die Bedächtigen, die sollten mal überall mehr den Ton angeben. – Nur nicht in der Kunst, da bitte nicht, da braucht es dringend die anderen.


Er machte sich keine Illusionen mehr, keine albernen Hoffnungen. Eine gewaltige, ungeheuerliche Gleichgültigkeit, das war es, was er im großen Ganzen vernahm und woran er noch glaubte. Und womit er nun leichten Schritts vor die Tür ging und seinen täglichen Kram erledigte.


Sie war neu in dem Job, ihr erster Tag an der Kasse, war gut gelaunt, fröhlich, machte gegenüber den Kunden eine witzig gemeinte Bemerkung nach der anderen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie an den Falschen geriet.


Er war da zufällig reingeraten und musste jetzt von Tür zu Tür gehen, den Leuten was andrehen, was sie nicht brauchten, nicht wollten. Und schon nach der fünften Tür fand er Gefallen daran. Es war nicht so, dass er die Menschen verachtete, sie waren ihm eher vollkommen egal. 


In seinen 20ern war er auf Brautschau, zog durch die Discos, die Clubs, die Bars. Soff sich die Hucke voll. Die Frauen ließen sich von ihm nicht so recht überzeugen und so soff er sich dann ab Anfang 30 einfach zu Hause entspannt und ganz in Ruhe die Hucke voll.


Vor anderen schwärmen sie von ihren Opernbesuchen, ihren Reisen, den Lokalbesuchen bei angesagten Sterneköchen. Sie merken es ja beide selbst, mit der Schwärmerei reden sie sich ihr Leben schön, reden sie es sich bedeutsam. Sie wissen es, aber es darf nicht sein.

Sonntag, 19. April 2026

 Morgens um 8 vorm REWE hatte er die erste Bierdose am Hals. Die Menschen mochten ihn nicht und er mochte die Menschen nicht. Einige Zeit hatte er gelebt wie sie, mit Kraftfahrzeug und Festanstellung. Aber auch da mochte er die Menschen schon nicht.


Nun, er wusste, wovon er sprach und konnte sich kurz fassen. Das war unüblich in der Branche. Und erfrischend. Eine üble Provokation.


Bei der Arbeit – insbesondere bei den Meetings, den Präsentationen, dem eitlen Getue – fühlt er sich mehr und mehr wie ein renitenter 12jähriger, der von den Eltern zum Sonntagsausflug herausgeputzt und mitgeschleift wird.


Die Freude, die er als Kind und auch noch als junger Mann erlebt hatte und er sich immer noch ersehnte, gab es aber nicht mehr. Es gab nur noch die Freude, Hindernisse zu überwinden oder Probleme zu lösen. Und dafür musste er arbeiten, es half alles nichts, er musste arbeiten.


Der Feierabend war ihm nun das Entscheidende am Arbeitstag und die Zeit bis dahin verkürzte er sich mittels der Arbeit. Und der naive Ehrgeiz der jungen Kollegen sorgte darüber hinaus für Erheiterung – so sollte es klappen, so sollte er die restlichen Jahre auch noch rumkriegen.


Bei der Arbeit konnten sie ihm alle mal am Arsch lecken. Und zu Hause auch. Das hatte sich so ergeben bei ihm, nach und nach so ergeben.


Sie redete und redete. Tiefer und tiefer redete sie sich in ihr Gerede hinein. Und jeden Tag war es wieder was anderes und dann doch immer das Gleiche.


Den Großteil des Lebens verbrachte er mit einer Arbeit, die ihm nie gefiel, und in einer Familie, deren Gründung er schon nach kurzer Zeit bitter bereut hatte. Sein Bruder war da ganz anders, ein Lebemann, ein Künstler, und dem ging es dann im Alter sogar noch dreckiger als ihm.