Samstag, 28. März 2020

Auch für die eher mittelgroße Kiezgröße, den "Smarten Sven" war es damals Ehrensache, seinen Zaster demonstrativ für prahlerisches Zeugs zu verprassen und so war er dann der erste mit so einem Funktelefon und die Girls flippten völlig aus.


Wenn seine Olle mal für 2 oder 3 Tage weg war, freute er sich jedes Mal wie Bolle darauf, sich mal wieder richtig einen auf die Lampe zu gießen und die Sau raus zu lassen. Allein schon dafür hatte es sich gelohnt zu heiraten.


Zu sterben, jetzt oder später, sei ihm inzwischen gleich. Er habe seinen Eindruck vom Leben, umfassend und wenig schmeichelhaft. Sein Mitgefühl gelte den Unerfahrenen, egal, ob jung oder alt, so tönte er herum mit gönnerhafter Miene.


Früher ist er im Rausch euphorisch durch Illusionen gerannt. Jetzt, selbst im Suff desillusioniert, bleibt er, wo er ist, versackt im Sofa und denkt sich, so ist das nun mal.

Donnerstag, 12. März 2020

Diese alten, gehäkelten Untersetzer da erinnern sie an eine Zeit, als die Männer noch ungestümer waren. Sie feierten, den Krieg überlebt zu haben. Sie fraßen sich voll, qualmten und soffen Schnaps, zügellos. Und sie malochten.


Unter Menschen wünscht er sich immer häufiger, er könnte wie beim Fernseher einfach mal den Ton abstellen und nur schauen.


Solang Prahlerei und Protzigkeit noch eindeutige Hinweise auf einen geringen Bildungsstand sind, haben Frau und Herr M. noch Hoffnung für die Gesellschaft.


Schon mit der Naivität der Jugendlichen hat er Probleme, kommt unverhohlene Arroganz noch oben drauf, kann Gymnasiallehrer Stephan S. seine Aversion kaum verbergen. Er selbst war als Jugendlicher genauso.


Er kann sich noch gut erinnern: Überall wurde geraucht und man trank Bier und Schnaps, sogar während der Arbeitszeit. Heutzutage unvorstellbar. Dafür wird man heutzutage länger alt.

Sonntag, 8. März 2020

Sie haben sich schon lange nichts mehr zu sagen, treffen sich aber noch regelmäßig, wärmen die alten Geschichten wieder und wieder auf und geben sich amüsiert. Freundschaften muss man pflegen, vielleicht will man sich ja mal ein Werkzeug borgen oder so.


Dem Dummkopf Dietrich A. war es immer wichtig gewesen, seine Klugheit, Überlegenheit und Erfolge zu betonen. Und reden mochte er gern. Jeder im Gerichtssaal hatte Verständnis für die Angeklagte und fragte sich, wie sie die Ehe überhaupt so lange hatte ertragen können.


Bist du bodymäßig definierter als die, musst du diese Klugscheißer da nicht Respekt vor haben, weil du ja vom Body her definierter bist und so vom Argument her besser dastehst.


Seine Eltern, nachkriegserfahren und aufschwungsverwöhnt, konnten seine Art zu leben nicht verstehen. Dass er trotz guter Anstellung mit gutem Verdienst noch nicht verheiratet war, konnte sein Vater ja noch nachvollziehen, aber dass er nicht einmal ein Auto besaß, ging auch ihm zu weit.


War er erstmal angetrunken, konnte Uwe W. einfach nur noch weiter trinken, dann wusste er zumindest, was er zu tun hatte. Nüchtern wusste er das nie. Damals, das Jahr bei der Bundeswehr, das war eigentlich so seine geilste Zeit gewesen.


Herr L. hasst seinen Beruf, hat kein Hobby, keine Interessen, sitzt allein vorm Fernseher und ist frustriert. Was ihm eigentlich noch fehlt, ist eine Frau, für die er außer Genervtsein nichts mehr empfindet.

Montag, 24. Februar 2020

Alles geht seinen Gang und schleift ihn mit.


Er war immer schon der pragmatische Typ gewesen, der die Dinge gern schnell hinter sich gebracht und abgehakt hat. Irgendwann betraf das dann aber auch die schönen Dinge.


Die 93jährige Clara A. betrachtete es schon länger als eine Art Wettbewerb mit K.-o.-System. Voller Spannung erwartete sie jede Woche die Samstagszeitung mit den Todesanzeigen für den aktuellen Ergebnisstand.


Er hing an seiner Jugend, kleidete sich entsprechend, hörte die alte Musik und kaufte und sammelte die Accessoires aus "seiner" Zeit, weil alles, was nach seiner Jugend kam, in emotionaler Hinsicht ein großes, langes Nichts war. (Was wiederum an seiner Jugendfixierung lag.)


Da sein Leben arm an Abwechslung war, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich permanent zu wiederholen. In seinen phantasiereichen Variationen der Wiederholung lag dann aber ein gewinnender Reiz.


Er spürte es, jeden Tag, wenn er wieder da hin musste, wenn er die abgestorbenen Gesichter der Kundschaft betrachtete oder die Neurosen des Kollegiums ertrug: Es war ein schlechter Witz, ein Albtraum, der doch unmöglich noch all die Jahre so weitergehen konnte.


Er war Single, ging einem angesehenen Beruf nach, hatte ein fröhliches Gemüt und sah für sein Alter noch außerordentlich gut aus und dass sein Sexualtrieb ihn nicht mehr dominierte, bewahrte ihn vor so manch bösen Falle.


Verstohlene Blicke voller Sehnsucht und Gier auf die Körper der verschwitzten Jungs, mehr ist für ihn nicht drin, niemals. Das kann er seinen ehrbaren Eltern unmöglich antun. Im McFIT trägt er zur Tarnung einen Ehering. #Ehrenmann


Betrunken vergaß er seine Probleme und das war schön. Am nächsten Tag war's weniger schön, aber bei dem üblen Kater vergaß er immerhin seine Probleme.


Chronische Bequemlichkeit trübt die Lebensqualität, das Sofa sollte eine Belohnung sein und kein Dauerzustand, sagt der Kleinbürger in mir und wie so oft hat das Sackgesicht ärgerlicherweise recht.


Enttäuscht stellte das Aggro-Krawallgirl Pia P. fest, dass der neue, schrill beworbene Action-Tampon "Blood-Bullet" in der martialischen Blechschachtel sich letztlich doch nur als ganz gewöhnlicher Tampon erwies.


Horst-Uwe U. misstraut grundsätzlich den rhetorisch Geschulten, denn die sind ja nicht ohne Grund rhetorisch geschult.


Aufdringliche Großspurigkeit im Gang und Mundwerk: So wird jeder arme Wicht, der gern eine große Nummer wäre, zu einer großen Nummer. Garantiert.


Allein das Wunschdenken in seiner unerwiderten Verliebtheit machte aus dem sonst so besonnen und erfolgsverwöhnten Dr. med. Jens S. schlagartig einen kompletten Narren. Vor allem, weil er sie da schon geheiratet hatte.


Der brave Angestellte und Familienvater Jens-Dieter D. glaubt nicht an ein Jenseits, er glaubt aber an ein für seinesgleichen verborgenes Diesseits.


Der ganze Tag war schon so komisch und jetzt der Alkohol gerade wirkt für Verwirrung.


Zum Renteneintritt zog er wieder seine alte Lederjacke an und dazu noch die Heavy-Metal-T-Shirts. Genau so, wie er es sich all die Jahre in heller Vorfreude ausgemalt hatte und es dauerte fast eine ganze Woche, bis es ihm selbst peinlich wurde.


Die Stürme häufen sich, werden stärker, zerstörerischer. - Beton. Investieren Sie in Beton!


Je älter er wurde, desto mehr bekannte er sich zu seiner "deutschen" Schwermut und Gewissenhaftigkeit und desto mehr ging ihm die "südländische" Lebensfreude und Leichtigkeit auf seinen deutschen Sack.


Obwohl der 89jährige Witwer Richard R. fast immer allein in seiner Wohnung blieb, duschte er jeden Tag und zog sich frische Wäsche an. Auch seine Selbstachtung hielt ihn am Leben.


Der Job war bescheuert. Bescheuert und sinnlos. Wie das meiste in seinem Leben. Er stand die Arbeit durch, danach fühlte er sich immerhin etwas besser. Am nächsten Tag ging es aber von vorn los. Nein, man muss sich ihn nicht als glücklichen Menschen vorstellen.

Dienstag, 4. Februar 2020

Er ist ausgesprochen sensibel und hat eine romantisch lyrische Ader. Aber wenn er wieder mal den Ozean bemüht, um seine Gefühle für sie zu beschreiben, geht ihr das langsam ganz schön auf den Sack.


Er verstand und fühlte mehr, als er es je mit Worten hätte ausdrücken können. So entdeckte er die Musik für sich und erlernte das Klavierspiel und auch da wurden ihm dann seine Grenzen aufgezeigt.


Ihr Leben lang klebte sie die ewig gleichen Fotos von Familienurlauben und Familienfeiern akkurat in chronologisch geordnete und entsprechend beschriftete Fotoalben ein. - Nein, mit moderner Kunst hatte sie so rein gar nichts am Hut.


Dramaturgisch betrachtet kreiert er beim Trinken mit ein, zwei Bier erst mal eine Ouvertüre, bevor er mit dem Wodka richtig Fahrt aufnimmt. Als retardierendes Moment kommt dann später ein Becher Kaffee ins Spiel. Das Finale ist offen und am nächsten Tag zumeist schon vergessen.


Herr E. ist nervös und angespannt, ständig. Erst der Alkohol drosselt sein Hirn und befreit dann die miese Drecksau in ihm, die er tagtäglich unterdrücken muss. Gerade macht er sich eine 2. Flasche Château Pétrus auf.  


Herr L. empfindet echtes Mitleid für unbemerkt fallengelassene und nun verwaist daliegende Handschuhe und Papiertaschentücherpackungen. Er redet aber mit niemanden darüber, um nicht als komischer Kauz zu gelten.


Die Übereinkunft, vernichtende Arbeitszeugnisse in positive Formulierungen zu verpacken, ist so zynisch, wie sie feige ist. Aber was soll's, der Job und die Leute da hatten ihm nie was bedeutet, auch wenn sie "nach Kräften um ein tadelloses Arbeitsklima bemüht" waren.


Wild entschlossen inszeniert er sich immer wieder neu, provoziert bei jeder Gelegenheit. Vergeblich. Sein großer, aber einziger Erfolg war damals einem lächerlichen Umstand geschuldet gewesen, den er bis heute nicht mal im Ansatz erkennt.


Er war jung und naiv und er nahm die Menschen beim Wort. Schon bald eines Besseren belehrt, wandte er sich lieber den Wörtern der Bücher zu.


Leichtigkeit, Gelassenheit, Zuversicht, Lust am Leben: alles nach und nach in bürgerlicher Vernunft eingetauscht gegen Sorgen und Besorgungen machen.


Als sein Knackwürstchen frühzeitig seinen Knack verlor, wurde er wütend und machte fiese Sachen.


Der Richter war ein harter Knochen, vor allem gegenüber Intensivtätern. Und so wurde das Urteil selbst für diesen etwas weniger intensiven Intensivtäter zu einer recht intensiven Erfahrung.


Die Rente war noch lange nicht in Sicht und schon jetzt machte er nur noch müde Miene zum bösen Spiel.


Zunächst einfach, direkt und selbstbewusst, dazu schon ein Quäntchen an prolliger Arroganz: So erntete er viel Zuspruch, Sympathie und Erfolg, bevor er dann nur noch ekliger und ekliger wurde.

Sonntag, 19. Januar 2020

Als die Kaufhäuser dann dazu übergingen, nicht mehr die Hemden zu den Hemden und die Hosen zu den Hosen zu packen, sondern alles nach Marken zu sortieren, wurde Herrn S. das Einkaufen endgültig ein Graus.


Die punktgenaue, unaufgeblasene Einfachheit seiner Äußerungen störte sie. Ihre Leidenschaft war es, sich in nicht enden wollenden Gesprächen zu verlieren.


Diese gefälligen Floskeln von weichgespülten Luschen beleidigten ihn weitaus mehr als jede noch so ätzende Spöttelei provokanter Intellektueller.


Der in die Jahre gekommene Frauenheld Frank 'Fränki' R. begrüßt die Kassiererin im Discounter mit "Hallöchen, liebe Lidl-Maus" und meint das charmant und originell.


Inzwischen macht ihr das Entsorgen fast schon mehr Freude als das Kaufen. Denn eine vorherige Entsorgung ist die perfekte Legitimation für einen neuerlichen Kauf.


Bücher haben es schwer gegenüber Fernsehen, Internet und Gaming - nicht wenige völlig zu Recht.


Er musste nicht verzichterpocht ins Kloster gehen oder als schräger Kauz in den Wald ziehen und sich da eine Hütte zimmern. Ihm reichte es, die Tür beim Betreten seiner kleinen Mietwohnung hinter sich abzuschließen.


Der Bodensatz in seiner Klobürstenauffangschale befand sich gerade im alles entscheidenden Stadium des Proterozoikums, als Günther G. tragischerweise eine neue Klobürstengarnitur zum Schnäppchenpreis im neu eröffneten TEDi ergatterte.


Die Illusionen waren weg. Die Erfahrung hatte sie gekillt, eine nach der anderen. Im Suff stellte sich ab und an noch eine Billigillusion ein, so billig, dass sie schon am nächsten Tag lachhaft und peinlich war.


Er hatte sich in seinem Leben so oft daneben benommen, so viele Dinge gesagt und getan, die er bereute, dass es nun für ihn kaum noch ein Erlebnis gibt, das nicht irgendeine peinliche Erinnerung hervorruft.


Sein Leben war festgefahren. Faul und feige wartete er auf ein Wunder. Das Wunder blieb aus, aber immerhin hatte er sich nicht umsonst bemüht oder sich sogar blamiert. Was er jetzt davon halten sollte, wusste er auch nicht.
Man sah es ihm einfach an: Jede Kleinigkeit ging ihm sofort auf den Sack. Sein Sackgesicht sprach Bände.


In der Gegenwart dachte er vornehmlich an zukünftiges Unglück oder an längst vergangenes Glück. Das Leben war ihm unangenehm.


In dem Arbeitskollegen Jochen K., der diesen Job tatsächlich ernst und wichtig nimmt und sich damit auch noch verwirklicht sehen will, sehen so manche ein Vorbild, die meisten aber eine Realkarikatur.


Die Zumutungen gilt es auszuhalten, um sich danach gut zu fühlen. Das Zubettgehen ist die Belohnung für den Tag, der Schlaf die Erlösung. — Das Zuvielerwarten die Hölle.


Wenn der zu Jähzorn neigende Dietmar Z. beobachtet, dass seine Arbeitskollegen Ärger mit Kunden haben und dabei auch mal Nerven zeigen, macht ihn das glücklich.


Das ständige Lügen wurde ihm einfach zu anstrengend. Fortan lebte er lieber den herrlichen Aberwitz seiner Wahrheiten.


Bei jedem großen Familientreffen wird ihm schlüssig vor Augen geführt, warum er so zurückgezogen und einsam lebt. Wieder daheim öffnet er dann voller Dankbarkeit die Tür seiner 2-Zimmer-Wohnung.


Dass sie schon seit Monaten nicht mehr miteinander schlafen, ist ihnen egal. Die letzten Male war es nur noch ein mühseliges Rumgejuckel gewesen. Wichtig ist ihnen, ihr Image des glücklichen und sexy Paares aufrechtzuerhalten.


Da er in aller Regel schon den Abend vorher abstürzte, war das Feiern an den Feiertagen selbst nur ein müder Aufguss oder gar eine lästige Pflicht.


Sein Gedankengefängnis hält ihn seit Jahrzehnten gefangen. Es bietet ihm lediglich einen Ausblick auf den Gefängnishof, wo andere Gefangene bedrohlich umeinander schleichen.


Meine erste Seniorenerfahrung: tief empfundene Dankbarkeit und Freude über ein neues Paar bequemer Schuhe, das ich nicht erst einlaufen muss, bei gleichzeitig absoluter Gleichgültigkeit, wie die Latschen aussehen.
Die Zeitspanne zwischen Einsicht und entsprechender Verhaltensänderung ist deswegen so lang, damit man doch noch genügend Argumente für die Beibehaltung der alten Gewohnheiten finden kann.


Der kurzatmige Dickwanst Daniel L. sieht und bezeichnet sich selbst bedenkenlos als sportlichen Fahrer und hegt eine in der Tat innige Beziehung zu seinem Fahrzeug.


Herr L. trank, um das Alleinsein besser ertragen zu können. Später dann war und blieb er allein, um besser trinken zu können.


Selbst in schlechter Verfassung bemühte sich Richard H. tapfer um schöne und aufmunternde Worte. So bekam er zumindest noch ab und zu Besuch im Krankenhaus.


Mit angespannter Miene läuft die Abteilungsleiterin gestresst und schwer beschäftigt im Betrieb umher. Amüsiert und als Ausdruck seines Hohns setzt Herr S. bei der Arbeit eine noch viel angespanntere Miene auf.


Jedes Mal, wenn er sich längere Zeit über etwas aufgeregt hatte und davon im Geiste ganz erschöpft war, stellte sich von ganz allein eine angenehme generelle Gleichgültigkeit ein.


Er riecht nicht nur wie ein verschwitzter Aschenbecher, er sieht auch so aus. Seit 20 Jahren hat er genau 8 Blondinenwitze in petto, die niemand mehr hören will. Im "Michi's Dart-Eck" gehört er quasi zum Inventar.


Das unübersehbare Unterhosen-Doppelripp-Pressmuster auf seinem roten Hintern zeugte von seiner ausgedehnten Fernsehsesselsitzung. Seine Frau konnte selbst nach 40 Jahren Ehe noch herzhaft darüber lachen.


In seiner ohnmächtigen Wut auf seine Mitmenschen phantasierte er sich in Situationen und Gespräche hinein, die ihn dann noch wütender machten; sogar, wenn er in ihnen als souveräner Sieger hervorging.


Die Alkoholabstinenz erhöhte tatsächlich sein Denkvermögen und verbesserte sein Gedächtnis. Hilfreich war das aber nicht, in der Banalität seines Alltags sorgte dieses Klugsein eher für Verdruss.


Inzwischen war er in einer Verfassung, in der ihm der Alkohol hinsichtlich Stimmung und guter Laune nichts mehr bot, da auch er dem Alkohol diesbezüglich nichts mehr anzubieten hatte.

Sonntag, 29. September 2019

Kunst interessierte ihn einen müden Furz. Die Vernissage besuchte er, um Frauen kennenzulernen. Dass er den Exponaten keinerlei Beachtung schenkte, Sekt trank und den Smalltalk mit jungen Studentinnen suchte, wies ihn als Kenner der Szene aus.


Auch weil sein rosiges Gesicht sein behütetes und geordnetes Leben verriet, aber nichts über seine Phantasien, legte er sich diese martialischen Tattoos zu.


Als er sich, schüchtern zu der Verkäuferin hingezogen fühlend, endlich ein Herz fasste und sie bei einem Hemd um Beratung bat, beriet sie ihn lächelnd, aber besserwisserisch und blasiert. Er kaufte das in vielerlei Hinsicht unpassende Hemd als Erinnerungsstück.


Was sind das für Menschen, die die kostbare Morgenruhe mit schrillem Radiogedudel vertreiben? Warum müssen die sich direkt nach dem Aufstehen mit aller Gewalt gleich wieder innerlich abtöten?


Kaum etwas verdirbt ihm die Lust auf Alkohol mehr als solche Lokalitäten mit Namen wie "DISCO-STADL", "HÜTTENGAUDI" oder "PARTY-STUB'N". - Ein Blinddarmdurchbruch vielleicht.

Sonntag, 22. September 2019

Herr S. mochte grundsätzlich keine Schreihalserei.


Ach ja, der Sonntag in all seiner Pracht und Herrlichkeit, seufzt Herr M. beim Durchblättern der TV-Movie, während Frau M. den in der Ferne studierenden Sohn antelefoniert, nachdem sie die Reste vom Sonntagsbraten für die Tiefkühltruhe portionsgerecht eingetuppert hat.


Langzeitstudent und Witzbold Uwe E. nennt es "Business-Walking": Mit Anzug, Krawatte und Rucksack läuft er hastig und rücksichtslos durch die Innenstadt. Dazu, für die Performance wichtig, gelegentlich ein demonstrativ ernster Blick auf die Uhr. Ein neuer urbaner Funsport?


Er hatte formal eine recht verantwortungsvolle Position inne, da aber der Betrieb, im Grunde die ganze Branche, an sich völlig unnötig, überflüssig und lachhaft war, betrachtete er das alles als Witz. Das nichts ahnende Kollegium schätzte seine entspannt humorvolle Art.


Als er irgendwann keine Lust mehr hatte und einfach damit aufhörte, Gespräche dominieren zu wollen, tat er den anderen einen großen Gefallen und sich selbst einen noch viel größeren.


Seitdem sie sich auf ihre Kolleg*innen gerade nur noch so weit einließ, wie es die Arbeit unbedingt erforderte, sah man sie immer öfter mit einem diebischen Schmunzeln durch die Büros laufen.


Breitbeinig und mit leeren Augen sitzt er da und kaut Kaugummi mit weit aufgerissenem Mund. Er ist überzeugt von seinen Zähnen, von seinem Lächeln, von seinem Charme, ja, von sich als geilem Gesamtpaket.

Sonntag, 15. September 2019

Die langen Haare dünn geworden, die Heavy-Metal-T-Shirts längst mehr als nur peinlich, einsam und ratlos in einer schmierig verdreckten Wohnung; ein Leben, das nach Zwiebelfurz roch. Dabei war er immer noch der liebenswerte Kumpel, den man einfach gern haben musste.


Herr S. ertappte sich dabei, dass er an Sonn- und Feiertagen am liebsten Filme aus seiner Kindheit und Jugend schaut. Sie bieten ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Heimeligkeit.


Da er an immer weniger Dingen Freude empfand, ging er dazu über, Freude darüber zu empfinden, Dinge nicht zu benötigen oder sie nicht tun zu müssen oder ihnen nicht ausgeliefert zu sein.


Dass sein Testament als Anlage ein Kündigungsschreiben für ihr Zeitungsabo enthielt, das sie jetzt nur noch datieren, unterschreiben und abschicken sollte, löste bei der frischgebackenen Witwe Gerda W. einen hysterischen Lachanfall aus.


Seine dann plötzlich zum Vorschein gekommene, schamlose Selbstgefälligkeit war nicht der Anfang vom Ende, sondern definitiv das Ende.


Wäre die Entschlossenheit, nie wieder einen Tropfen Alkohol zu trinken, immer so groß gewesen wie im Zustand eines erbärmlichen Katers, hätte er einige seiner großartigsten und obskursten Nächte nie erlebt.


Jetzt zum Renteneintritt wollte er endlich all die Klassiker noch mal lesen, die ihm als Student soviel gegeben hatten. Schnell stellte er fest, dass der Zauber von damals sich nicht mehr einstellte. Spaziergänge und die Tageszeitung in seinem Stamm-Café gaben ihm mehr.

Sonntag, 8. September 2019

Bauwagen-Werner hatte Geld für Schnaps und jetzt ist er der King of Hauptbahnhof. Aber seine Untergebenen mögen ihn nicht und verjagen ihn mit ihren Mistgabeln.


15 Jahre nach ihrer Trennung verabredeten sie sich wieder. Die alte Sinnlichkeit war sofort wieder da, genau wie das alte Misstrauen und die alten Minenfelder. Es war ermüdend und sinnlos.


Der ehrgeizige Streetworker und Theaterpädagoge Enno E. ist davon überzeugt, dass der sich abzeichnende Niedergang des Stadtteils aufzuhalten sei, verstünden die bornierten Bewohner doch bloß seine Projekte.


Formulierte er seine Überzeugungen und Ziele zu konkret, kollidierten sie immer wieder mit seinen momentanen Befindlichkeiten. In der sprachlichen Vagheit fand er schließlich seine selbstgerechte Lässigkeit.


Er ahnte es bereits im Voraus: Eine Beziehung mit ihr enthielt ein Glücksversprechen gleich dem einer Chipstüte.


Keine brachte den Wohnwagen so ins Wanken wie Buttshake-Babsi und die Jungs von der Spätschicht standen Schlange, rauchten und rissen Witze.


Ruhestand: Je länger und öfter er sich das Wort durch den Kopf gehen ließ, desto schöner und verheißungsvoller wurde es. Wieder und wieder formulierte er es sich: R U H E S T A N D

Sonntag, 25. August 2019

Diffus im Suff, überbelichtet im Kater, dröge in der Nüchternheit: So wurschtelt er sich irgendwie durchs Leben.


Er hatte weiß Gott kein angenehmes Leben, aber man sah es ihm an: Unansehnlich und krank hatten ihn seine Wut, seine Bitterkeit und sein Hass gemacht.


Sie nörgelt rum und stänkert, macht ihm gern die Hölle heiß und beklagt sich über seine "erbärmliche Harmoniesucht". Er winkt ab und grinst wie ein Einfaltspinsel. Und zählt die Tage, bis die Kinder endlich aus dem Gröbsten raus sind.


Die Sonne schien und da soff er sich aus heiterem Himmel einen an.


Wenn Sie als ängstlich vermeidender Typ an sich arbeiten wollen, vergessen Sie dann bitte nicht, dass Sie ein Erfolgsmodell der Evolution sind und im täglichen Miteinander zu den ausgesprochen angenehmen Zeitgenossen gehören.


Der nur mäßig begabte und entsprechend nur mäßig erfolgreiche Schauspieler Wolfgang L. vermochte es nicht einmal, seine generelle Verachtung gegenüber seinen Mitmenschen zu überspielen.


Jede Nacht raspelt sich sein neuer Nachbar dröhnend die Raucherlunge aus dem Hals und er fragt sich wieder mal, wie viel Gewaltdelikte wohl auf hellhörige Wohnungen zurückzuführen sind.


Sie argumentiert, um den Streit fortzuführen. Er, um ihn zu beenden. Der Arme hat keine Chance.