Montag, 6. April 2026

 Er hatte nichts, was ihn wirklich interessierte, was ihn wirklich beschäftigte. Allerdings las er die Tageszeitung, jeden Morgen, so konnte er dann mitreden bei den Arbeitskollegen. Und den Bekannten. Um nicht aufzufallen mit seiner gänzlichen Interessenlosigkeit.


Sie machte oft Apfelkuchen, der gelang ihr gut. Von allen Kuchen gelang ihr der am besten. Auch er lobte ihren Apfelkuchen, ihrer sei der beste. Obwohl er ihn kaum mochte. Apfelkuchen mochte er generell nicht besonders. So war das bei ihnen, so verbrachten sie ihre Ehejahre.


Sie sehnte sich nach beruhigenden Gesprächen und beruhigenden Gedanken und sorgte Tag für Tag für das Gegenteil.


Nicht einmal des Geldes wegen tun sie's. Nein, sie sind gut situiert. Satt. Überfressen geradezu. Aus Eitelkeit tun sie's, tatsächlich aus Eitelkeit und vielleicht noch aus Langeweile. Und hoffen dann auf einen enthusiastischen Artikel im Kulturteil der Lokalzeitung.


Im hohen Alter ahnte er dann aber, dass das weitaus meiste Lachen wie auch der meiste Beifall ihm doch in Wahrheit aus Höflichkeit oder gar Verlegenheit entgegengebracht worden war.


Wie er als Erwachsener immer noch Spaß haben wollte, endete das stets in Albernheit, in einem Witz. Bestenfalls lachte er dann über sich selbst.


Wenn man ihn befragte, sagte er immer, dass er keine Meinung dazu hätte. Meistens stimmte das auch und hatte er doch mal eine, behielt er sie für sich. Der Umgang mit Meinungen gefiel ihm nicht, in der Beziehung hatten die Menschen sie nicht mehr alle, waren unberechenbar.


Sein Reden war gewöhnlich und sein Denken selbstbezogen. All seine Überlegungen und Überzeugungen zielten letztlich auf irgendeinen persönlichen Vorteil ab; für ihn und auch sein Umfeld das Normalste der Welt, eine Selbstverständlichkeit, so banal wie monströs.


Man sah es ihm nicht gerade an, aber er empfand immer noch Freude. Eine resignative Freude, eine, die ihn nicht zum Narren machte, ihn nicht erregte, ihn nicht aus seiner Stille lockte.


Mit seinem Versagen und seiner Unzufriedenheit gediehen seine Empfindlichkeiten. Abstruse Kleinigkeiten nagten an seinen Nerven, trieben ihn regelmäßig zur Weißglut. Er wusste ja selbst, was da vor sich ging, was mit ihm los war, das machte ihn ja so wütend.

Sonntag, 29. März 2026

 Er hatte ein Auge auf die gesamte Nachbarschaft, wusste über alles Bescheid, sah sich bei allem im Recht. In seiner bornierten Welt war er ein bedeutender Mann.


Nein, er glaubte an keinen gütigen Gott. So wie's in der Welt zugeht, wie kann man da an 'nen gütigen Gott glauben? Oder überhaupt an Güte? Oder Mülltrennung, auch so 'ne Sache, da ließ er sich auch nicht von überzeugen.


Ja sicherlich gibt es ein Leben nach dem Tod, nur eben nicht für den Betroffenen.


Er hängte sich Weisheiten an die Wand, kluge Sprüche in schöner Schrift, hoffte, dass es was änderte an seinem Unglück.


Von provinzieller Gelassenheit keine Spur. Gemächlichkeit vielleicht hier und da – und darunter dann immer wieder viel Gehässigkeit, provinzielle Gehässigkeit.


Unablässig sprach er von der Dummheit der Leute, von Idioten, von Schwachköpfen, von Hohlbratzen – ohne sich auch nur ansatzweise dabei auch mal selbst zu meinen. Nun, die Leute ließen ihn reden, gaben ihm Recht, wussten, er brauchte das.


Nein, er war kein Freund dieser Erde. Ein Schlachtfeld sah er in ihr, ein einziges Schlachtfeld. Und ein Komposthaufen. Ein Schlachtfeld und Komposthaufen. Wenn zur Saison die Städter kamen und von Natur und Landschaft schwärmten, beneidete er sie fast um ihre Ignoranz.


Das Leben war ihm unsympathisch und das, so sein Eindruck und Gefühl, beruhte auf Gegenseitigkeit.

Sonntag, 22. März 2026

 Sie glauben an all diesen Unfug ja nicht wirklich, sie halten sich nur dran. Ohne Halt gelänge ihnen das Leben nicht; angst und bange wäre ihnen – mehr als es ihnen ohnehin schon ist.


Er redete wieder mal von Ehre, von Loyalität. Er liebte diese beiden Wörter, fand sie bedeutsam, gewichtig, "krass", verwendete sie für seine heroische Selbsteinschätzung.


Sein Preisbewusstsein war ihm der Schlüssel zu allem, an alles klebte er ein Preisschild. Derzeit gerade an seine neue Partnerin.


Sein Leben lang hat ihn die Liebe zum Narren gehalten, ihm aufgelauert, auf ihn eingeprügelt, noch nachgetreten, wie er dann am Boden lag. Schlau hat's ihn allerdings nicht gemacht, bei vielen Filmen etwa hat er noch immer einen Kloß im Hals, es lässt ihn einfach nicht los.


Er musste arbeiten, einem Beruf nachgehen, einem standesgemäßen. Der Beruf bestimmte seinen Selbstwert, war seine Identität; und dabei hasste er ihn insgeheim. Im Alter von 64 Jahren starb er dann und in seiner Todesanzeige war der Beruf nochmal für alle zu lesen.


Diese Unternehmertypen, diese "Macher", die immer gute Laune versprühen, immer einen Spruch auf den Lippen haben, immer freundlich sind, bei allem mitmachen, überall Präsenz zeigen und Gott und die Welt kennen: Um nichts in der Welt möchte ich mit denen tauschen.


Tage vollgestopft mit hirnrissigen Verpflichtungen, größtenteils selbst eingebrockt, ja, nach und nach eingebrockt, eins führt da ja zum anderen. Und dann ist man zu bequem oder zu mutlos, um da wieder rauszukommen. Verrückt ist das und, schaut man sich mal um, völlig normal.


Er war überall willkommen. Und beliebt, das war ihm wichtig, überaus wichtig, und dafür war er dann auch schon mal unaufrichtig, vergaß er schon mal seine Selbstachtung, sein Rückgrat. Schließlich war es dann Feigheit vorm Konflikt, ein ewiges Sichwinden und Ducken.

Sonntag, 15. März 2026

 Ihr Leben gestalteten sie fantasie- und mutlos, da waren sie sich einig. Ansonsten saßen sie viel vorm Fernseher.


Er machte keine Witze, er erzählte welche. Ohne Talent, ohne Gespür für sein Gegenüber. Die Witze hatte er von so einer Witzeseite im Internet.


Sein Leben lang hatte er aufs Geld geschaut. Sie ja auch. Sie bei anderen Sachen als er, aber aufs Geld geschaut hatten sie beide, da konnten sie sich drauf verlassen. Deswegen gelang ja auch ihre Ehe.


Er setzte kaum mehr einen Fuß vor die Tür, steckte nur hin und wieder mal den Kopf aus dem Fenster. Nun, sagte er, ich habe mein Leben gelebt, so dolle war's nicht und nun isses halt bald vorbei.


Er ließ sie reden, die Leute. Das hatte er sich so angewöhnt im Lauf seines Lebens, die Leute reden lassen. Egal, ob ihm das nun passte, was die Leute da redeten, oder es ihm nicht passte, er ließ sie reden. Die Leute legten Wert darauf zu reden, also ließ er sie reden.


Um den Feiertagen zu entgehen, begab er sich dann schnurstracks in seine gewohnte Feiertagstrinkerei, fürs persönliche Feiertagsfeeling.

Sonntag, 8. März 2026

 Jegliches Begeistertsein widerstrebte ihm, überforderte ihn. Das begeisterungslose Leben war ihm das einzig mögliche.


Mit Leuten, die das Leben genießen, es SCHÖN finden, die wegen allem gleich aus dem Häuschen sind, möchte er nichts zu tun haben – womöglich sind die auch noch ansteckend.


In einem stickigen Provinztheater zu sitzen, Blähungen zu unterdrücken und wieder und wieder verstohlen auf die Uhr zu schauen: Das entsprach nun seit vielen Jahren seinem Lebensgefühl; beruflich wie familiär.


Man sollte nicht zu viel von den Mitmenschen erwarten, dass sie einem etwa nichts vormachen oder dass sie nicht vorrangig an sich selbst denken oder dass sie gütig sind oder was auch immer. Am klügsten ist's, man erwartet erstmal – und auch langfristig – gar nichts von ihnen.


Er ging da hin, leierte seine Arbeit runter und ging wieder weg. Da irgendeine Bedeutsamkeit zu sehen oder gar eine Berufung oder Leidenschaft, eine Bestimmung womöglich, das kam ihm nie in den Sinn, auch wenn sie's versuchten, ihm immer wieder ankamen mit diesem Blödsinn.


In seinem Kalender hakte er Arbeitstag für Arbeitstag ab, so ging dann Woche für Woche rum. Und an den Wochenenden war's im Grunde auch nicht viel anders. Manchmal gab ihm das schon zu denken, im Großen und Ganzen aber nicht.


Bei der Arbeit hatte er nichts zu melden, unterwarf er sich auch nur zu bereitwillig. Dafür spielte er sich dann woanders auf, gern in Ladengeschäften, Cafés oder Restaurants, stutze in seiner herrischen Art Angestellte zurecht, ließ seiner kleingeistigen Wut freien Lauf.


Tatsächlich beruhte seine Selbstsicherheit auf seiner Selbstsicherheit, mehr war da nicht.


So etwas wie eine Sozialverträglichkeit entwickelte er dann im Alter, als er schließlich genug hatte von den Menschen und nur noch fürs Nötigste raus ging und sich um seinen eigenen Kram kümmerte, sofern er sich überhaupt um was kümmerte.

Sonntag, 1. März 2026

 Altersfett ist er geworden, behäbig in seinem bürgerlichen Wohlstand – und dabei so süffisant und selbstgefällig, als hätte er sein ganzes Leben darauf hingearbeitet, so zu sein. 


Nicht nur bei den Dienstbesprechungen, die ganzen Arbeitstage über musste er sich inzwischen zusammenreißen, sich verstellen – verhehlen, wie absurd und lächerlich er das alles nur noch fand, wie er sich über seine Arbeit amüsierte und sich für sie schämte.


Er glaubte aber vor allem an das, von dem er glaubte, dass man es ihm vorenthielt. Geradezu besessen war er von diesen Vorstellungen, waren sie doch für ihn die einzig noch verbliebene Zuflucht in seinem von vorn bis hinten misslungenen Leben.


Beim Lotto wieder nur drei Richtige. Kleine Häppchen ab und an, dass man dranblieb. So lief das eben. Aber ja nicht nur beim Lotto, so lief das doch generell und genau deswegen spielte er weiter, er wollte an den großen Kuchen, wollte sich nicht auf ewig billig abspeisen lassen.


Manchmal stellte er sich noch vor, er würde sich mal wieder tagelang volllaufen lassen. Aber es wäre ja zwecklos. Für was sollte er sich noch betrinken, wohin wollte er sich betrinken? Auch in der Trunkenheit wartete doch schon längst nichts mehr auf ihn.


Der Alkoholrausch lief nur noch ins Leere und dennoch versuchte er es wieder und wieder. Jedes Wochenende. In seiner Vorstellung, in der Vorfreude, da funktionierte der Rausch noch – und ließ ihm keine Ruhe.


Und wie er dann das Bier für sich entdeckte – noch in der Schulzeit war's –, da war's auch schon um ihn gescheh'n. Das konnte ja nichts werden mit dem Burschen, dem verrückten: ein Tunichtgut zuletzt, ein herzensguter zwar, aber eben ein Tunichtgut und Habenichts, ein Schelm.


Er ist wieder gesund, kann wieder essen, wieder seinen Kaffee trinken und schon morgen, spätestens übermorgen, ist das auch schon wieder eine Selbstverständlichkeit. Die Gewöhnung geht schnell; an das Gute stets schneller als an das Schlechte, da ist der Mensch undankbar.


Bis man die Gebrauchsanweisung für so'n Leben einigermaßen zu Ende studiert hat, da isses ja auch schon fast wieder um, das Leben. Bleibt einem hoffentlich nur der glückliche Umstand, dass all das, was man falsch gemacht hatte, nicht zu gravierend, nicht verhängnisvoll war.

Sonntag, 22. Februar 2026

 Er war ja der Meinung, dass diese Fantasyromane die jungen Leute, vor allem junge Männer, in die Lebensuntauglichkeit führten – so wie erwiesenermaßen die Liebesromane die jungen Frauen. Er selbst las Wildwestromane, von klein auf, an denen gab's nun auch nichts auszusetzen.


Er sprach immer wieder von Verpflichtungen und Sachzwängen, von Verantwortung, und dabei waren es Gewohnheiten, alberne Routinen, sein auf der Stecke gebliebener Lebensmut. Nein, er kam da nicht mehr raus, in diesem Leben nicht mehr.


Und sitzt man erstmal in so einer Runde, in so einer erzwungenen Geselligkeit, dann redet man doch ganz automatisch plötzlich auch so ein dummes Zeug daher; einen so derart kläglichen Blödsinn, dass es einem in der Seele schmerzt.


Herumhängen, auf irgendwas warten, darauf schien's hinauszulaufen. Er hing viel herum, manchmal, weil er auf was wartete und dann wieder nur so. Es war die Situation, in der er sich immer und ewig wiederfand, selbst auf der Arbeit, es war sein Eindruck vom Leben, sein Fazit.


Sicher, die Arbeit unterforderte ihn, aber er bewältigte sie auch gut mit verkatertem Kopf und das gab ihm jetzt genau den richtigen Halt.


Nicht nur seine Illusionen, auch die eitlen Ambitionen hatte er hinter sich gelassen. Er war jetzt im Grunde nur noch darauf bedacht, seine Ruhe zu haben und ansonsten ein umgänglicher und hilfsbereiter Mensch zu sein. Er hatte es geschafft, war nun angekommen im Leben.


Wieder einmal musste er durch ein finsteres Tal und wieder war da kein Hirte, auch spürte er da nichts in der Hinsicht. Nein, er musste schon selber den Hintern hochkriegen, so wie immer. Das war ihm auch klar, aber erstmal machte er sich jetzt'n Bier auf. Und dann noch welche.


Von aufdringlicher Schwatzhaftigkeit war er und so ging man ihm aus dem Weg. Und je mehr man ihm aus dem Weg ging, umso aufdringlicher wurde er. Er kapierte es nicht, rückte immer wieder an. Was er zu sagen hatte, war ja doch viel zu bedeutsam, als dass er sich irritieren ließ.


Wut und Empörung, über was und woher auch immer, die Leute schienen randvoll damit, hatten wohl alles satt, sahen vielleicht in nichts mehr einen Sinn. Nun, ihm war's gleich, er mied die Leute ohnehin, auch wenn sie guter Laune waren, wenn sie feierten – dann sogar erst recht.

Freitag, 20. Februar 2026

 Immer aber betont sie, dass sie ja jetzt mit ihren 87 Jahren schon älter geworden ist als die meisten in ihrem Bekanntenkreis. Im Vergleich zu anderen gut oder besser dazustehen, war ihr immer schon überaus wichtig, nun auch hinsichtlich des Sterbens.


So hielt er es sein Leben lang: sich der Scheiße stellen, egal was ist. Es erhobenen Hauptes durchstehen und sich danach besser fühlen, so lief das bei ihm – und immer hat er sich danach besser gefühlt. Und jetzt, wo er im Sterben liegt, wird er's auch so halten, genau so.


Mittwoch, 18. Februar 2026

 Tag für Tag vermiesten sie sich den Tag. Gehässig waren sie zueinander. Und verheiratet. Vor 38 Jahren hatten sie das Ehegelübde abgelegt, in der Kirche, und daran war nun mal nicht zu rütteln. Und so machten sie weiter so, da waren sie sich einig, bis ans Ende ihrer Tage.


Die Nachdenklichkeit führte ihn ins Besorgtsein, in die Angst. Eine andere Nachdenklichkeit war ihm nie begegnet. Als er dann im Alter nicht mehr so arbeiten und mit anpacken konnte, wie er es gewohnt war, wurde es bitter für ihn und mit ihm.


Als dann die Altersbeschwerden zunahmen und er gezwungenermaßen mehr und mehr auf seinen Körper hörte, da meinte er doch glatt, mit einmal auch einen Draht zu seiner Seele gefunden zu haben. Sie "wohne" nicht in seinem Körper, für ihn war sie nun der Körper.

Montag, 16. Februar 2026

 Eines Morgens als Käfer aufwachen und nicht mehr zur Arbeit können, er hatte das damals mal in der Schule lesen müssen. Nun schleppte er sich aber morgens eher als Wurm oder als Schnecke oder als geprügelter Hund zur Arbeit. Und im Bett liegenbleiben gab's nicht.


Aber lieber so'n trübseliger Langweiler wie er einer war als wie so'n aufgedrehter Lackaffe, der einem mit seinem Eifer und seiner guten Laune Tag für Tag auf'n Sack ging. So sah er das. Und demgemäß gestaltete er auch seine Anwesenheit im Büro.


Die Arbeit zu machen, war nicht das Problem. In den wöchentlich anberaumten Dienstbesprechungen aber über sie zu reden und sie im Kopf durchzugehen, bereitete ihm Unbehagen, Widerwillen, physische Beschwerden. Allein schon, weil er so tun musste, als nähme er sie ernst.

Sonntag, 15. Februar 2026

 Rückgratlos, verwöhnt, durchweicht vor Selbstmitleid, so kannte man ihn. Mitte 50 war er jetzt und fühlte er sich ausnahmsweise mal gut, neigte er zur Albernheit, dann wollte man ihn schon gar nicht um sich haben.


Alles hatte er schon nach kurzer Zeit satt, den Winter wie den Sommer, die Arbeit wie den Urlaub – und die Menschen, die sowieso. Nichts machte er lange mit und mit jedem Rückzug wuchs sein Widerwille. Wo ihn das hinführte, wusste er längst.


Er brauchte keinen Luxus, um unglücklich zu sein.

Donnerstag, 12. Februar 2026

 Die Menschen haben doch immer wieder reichlich komische Vorstellungen – gerade auch von sich selbst, das sind dann auch allemal die komischsten.


Da ist viel Falschheit an und zwischen den Menschen; und nur so scheint's zu funktionieren mit ihnen. Man muss es wohl akzeptieren, was bleibt einem übrig, man muss es akzeptieren.


Durchtrainiert war er und groß, einsdreiundneunzig, und blieb ihr nach allem lediglich als mickrige Gestalt in Erinnerung. 


Keine Ansprüche mehr, keine Erwartungen, keine Illusionen, nichts mehr – und endlich lässt es sich leben! Dachte er, gestern, nach ein paar Bier, aber jetzt ist Sonntag und die Trübseligkeit lässt ihn wieder klarer sehen.


Die Bedienung war auf Zack, aber auch nervös, hastig, das Bedientwerden unangenehm. 


Ach, glauben Sie's mir, sollten die Menschen eines Tages mal tatsächlich erfahren, was es mit dem Universum auf sich hat, warum es existiert, so werden sie trotzdem keine Vernunft annehmen; weiterhin werden sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, verlassen Sie sich drauf.

Montag, 9. Februar 2026

 Er kam betrunken nach Hause, wenn die anderen zur Arbeit aufbrachen, schlief, während die anderen arbeiteten. Dann schaute er fern und dann zog er wieder los in die Kneipen. Früher hatte er auch anders gelebt. Mit Frau, PKW und Festanstellung, das hatte auch zu nichts geführt.


Die Korinthenkacker hatten nun mal das Sagen, das Korinthenkacken war Prämisse, Mindset, die Seele des Betriebs. Und so gab man den Neuen zwei, maximal drei Monate, zeigten sie dann noch keine Anzeichen von Korinthenkackerei, wurde es eng für sie.


Selbst im Umgang mit den Kunden war sie ungeduldig und ungehobelt. Und unter ihrer rauen Schale verbarg sich auch kein weicher Kern. Und ob sie nun mit sich selbst zufrieden, glücklich oder im Reinen war, fragte sie sich erst gar nicht. Sie funktionierte, das war ihr wichtig.


Seit 16 Jahren arbeitete er dort und hatte nun begriffen, dass er in einen Trupp von Verlierern geraten war und dass er längst dazugehörte. Aber nicht nur da, wo immer er auch schaute: Er sah nur noch Verlierer, Luschen – verkorkst, mutlos, hohl. Er sah, was er fühlte.


Kam er von der scheiß Arbeit nachhause in seine Einzimmerbude und sah, dass da der scheiß Anrufbeantworter blinkte, war der Feierabend schon für ihn gelaufen. Völlig egal, welches Arschloch da jetzt angerufen hatte, der scheiß Feierabend war gelaufen.

Donnerstag, 5. Februar 2026

 Aber dann war er selbst an den Wochenenden abends nur noch müde und melancholisch und da änderte auch der Alkohol nichts mehr dran. Im Gegenteil, der machte ihn dann noch müder und noch melancholischer. Und das gefiel ihm mit der Zeit immer besser.


Bei vielen Beschwerden aber, so seine Erfahrung, half sich der Körper ja doch besser selbst; wenn man ihn nur ließ und ihm vertraute, wenn man auf ihn hörte, ihm Zeit und Ruhe gönnte. Und die Arztpraxen, die Ärzte, die ganze Rennerei, das war er ohnehin nur noch leid.


Ist man nett zu den Mitmenschen oder auch einfach nur höflich, so dauert es nicht lang und man hat so einige ganz besondere Exemplare von ihnen an den Hacken. Trotzdem, bleiben Sie höflich, bleiben Sie nett, tun Sie's auch für sich, es tut gut, allen tut es gut.


Es nervte ihn. Geradezu ständig war er ja wegen irgendetwas genervt; bisweilen tatsächlich darüber, dass er genervt war. Nun, allerdings fühlte und wusste er es: Die Anspannung des Genervtseins hielt ihn in der Spur, bewahrte ihn davor, den Verstand zu verlieren.

Montag, 2. Februar 2026

 Er fand seinen Beruf nur noch lächerlich und arbeitete stur und unbeteiligt vor sich hin. Das Arbeiten war ihm eine Ablenkung von der Arbeit.


In dem Betrieb war es erforderlich, dass alle Angestellten ihre Urlaubstage ein Jahr im Voraus planten; eine längst akzeptierte Selbstverständlichkeit. Überhaupt, so schien es ihm, hatte dort niemand ein Problem damit, sich sein Leben derart abwürgen zu lassen.


Er wusste, spürte es, es kommt der Tag, wo er sich nicht mehr aufraffen kann. Wo er sich morgens keine Pausenbrote mehr schmiert, die Aktentasche stehen lässt, nicht zur Arbeit erscheint, sich nicht abmeldet, das Telefon ausstellt. Und dann alles auf sich zukommen lässt.


Ganz klar, er ist ein Gewinner, immer schon, früher beim Sport, Bezirksoberliga, und jetzt bei der Arbeit, Kreissparkasse. Ehrgeizig ist er, gewandt, oberflächlich und fest entschlossen, seinen Weg zu machen, oben anzukommen – seine Eltern sind nicht minder stolz auf ihn.


Schon in jungen Jahren ärgerte er sich – geradezu in Jähzorn geriet er – über seine Fehler, die ihn Geld gekostet hatten. Andere sah er erst gar nicht oder tat sie mit einem Schulterzucken ab. So war er also bestens aufgestellt für das, was seine Generation erwartete.

Freitag, 30. Januar 2026

 Inzwischen schnaubte und stöhnte er beim Essen wie früher beim …  nun, Sie wissen schon. Seiner Frau war's längst recht so, sie wollte ihn im Bett nicht mehr auf sich haben.


Glauben Sie mir, über jeden Aspekt, der sie in irgendeiner Weise äußerlich attraktiv macht, sei es auch die kleinste Kleinigkeit, ist sie sich völlig im Klaren. Auch wenn sie was anderes behauptet und daherredet; sie weiß es, seien Sie sich sicher, sie weiß es.


Privat lief bei ihm nicht mehr allzu viel, im Grunde lief da gar nichts. Ihm war's recht, der ganze Stuss bei der Arbeit reichte ihm schon, deckte seinen Bedarf an sozialer Interaktion vollkommen.

Dienstag, 27. Januar 2026

 Nein, Moralapostel, Tugendwächter und Missionare, ganz egal aus welcher Ecke, hatten ihn noch nie von irgendwas überzeugt. In dem Eifer dieser Leute sah er nichts als Unheil. Und überhaupt, er schätzte es einfach viel zu sehr, in Ruhe gelassen zu werden.


Er ist tatsächlich so einer, der so gut wie nichts besitzt und dennoch alles hat. Ja und jetzt schenken Sie dem mal was, diesem Mistkerl! 


Er stand drauf, fuhr drauf ab, auf den Style, die Musik, den Sound, die Lyrics – hörte seine Modern Talking-Platten rauf und runter. Und ich wohnte in der Wohnung nebenan.


Mit seiner Großmäuligkeit war er auf eine lächerliche Art einschüchternd, selbst seine körperliche Imposanz geriet zur Karikatur.


Seine selbstverordnete Coolness verbat ihm emotionale Bewegtheit. Was ihn noch putziger machte.


Samstag, 24. Januar 2026

 Auf der Arbeit war er angespannt, ängstlich – unfrei bis ins Mark. Seit jetzt über 30 Jahren.


Wie lange noch, fragte er sich ein ums andere Mal. Seine Pechsträhne, seine Gesundheit, sein Leben, sein in die Jahre gekommener Kühlschrank …: Wie lange noch?


Über jede Nichtigkeit empörte er sich, geriet er außer sich, bittere Leserbriefe schrieb er, Social-Media-Kommentare, Google-Rezensionen, wutentbrannt haute er in die Tasten – um sich nicht mit seiner eigentlichen Misere auseinanderzusetzen, um weiterzumachen, um durchzuhalten.


Dann zog er nach Berlin, machte Punkrock in Berlin, hoffte auf den Durchbruch, mit Punkrock in Berlin.

Mittwoch, 21. Januar 2026

 Eine miese Arbeit und dann Einsamkeit und Elend am Wochenende. 47 ist er jetzt, im besten Alter.


Jedes Mal, wenn er bei Dienstschluss vergaß, sein Namensschild abzulegen und es mit nach Hause trug, war der Feierabend für ihn gelaufen. Er wollte dieses Drecksding nicht in seiner Wohnung haben, hasste es wie die Pest.


Voller Sentimentalität und Selbstmitleid sprach er von der Beschwerlichkeit des Lebens. Nur von seinen Krankheiten sprach er noch lieber.

Montag, 19. Januar 2026

 Die Zeit im Büro war dröge, nervtötend. Und die außerhalb des Büros nun auch. Das Büro hatte abgefärbt, nach und nach auf alles in seinem Leben abgefärbt.


Groß- und Wichtigtuerei im Büro: Karriere, Beförderung, Ellenbogen. Ihm war und blieb das alles fremd und in den Augen der Kollegen wurde er mehr und mehr dieser alte Kauz, der immer so grinste und in den unpassendsten Momenten loslachte. Der eindeutig einen an der Waffel hatte.


Im Grunde fuhr er schon gar nicht mehr jeden Morgen zur Arbeit ins Büro, längst war das Büro in ihm drin.

Samstag, 17. Januar 2026

 Aber was will man machen, die Menschen sind nun mal so. Aufspielen müssen sie sich, immerzu wegen irgendwas aufspielen, beseelt von irgendeiner vermeintlichen Wichtigkeit – so manch Prachtexemplar gar von der eig'nen – und so geben sie dann nie eine Ruh'.


Ständig waren sie am Machen und Tun. Sie konnten nicht anders, nur im Machen und Tun ertrugen sie's: das Leben, den Alltag, die Sinnlosigkeit.


Konfrontiert mit dem Vorwurf der Faulheit sagte er, er sei mehr der kontemplative, weniger der aktive Typ Mensch. Das Wort kontemplativ hatten sie noch nie gehört und hätte er es ihnen erklärt, hätten sie ihm noch ganz andere Dinge an den Kopf geworfen.

Dienstag, 13. Januar 2026

 Bei der Arbeit im Büro erzählte er viel von seiner Familie. Und zu Hause bei seiner Familie dann viel von der Arbeit. Und niemand wollte den Scheiß hören.


Aber was wollten sie eigentlich wirklich von ihm: Haltung zeigen oder doch eher Haltung annehmen?


Er würde gern mal wieder ausgiebig Bier trinken, einmal nur. So wie damals, Unmengen Bier, das ganze Wochenende durch. Aber seine Frau ... – selbst wenn sie mal weg wäre, würde sie ja anrufen und was merken. Und so blieb es dabei: Er würde gern mal wieder ausgiebig Bier trinken.


Nun, er nahm es hin. Nahm es locker hin. Im Hinnehmen machte ihm so leicht keiner was vor.

Samstag, 10. Januar 2026

 Fettdunst in der Küche und den Köpfen. Stickige Gemütlichkeit. Stumpfsinn und Verdruss.


Dies alberne Treiben der Leute ging ihm auf die Nerven, ihre törichte, infantile Freude. Ihm war derlei Spaß zuwider, diese Art Freude längst abhanden gekommen – die Freude generell, eingetauscht hatte er sie, in jungen Jahren schon, gegen Hochmut und Hass.


Seine häufigste Schulnote damals war immer die 3 gewesen. Und so ging das dann weiter, zog sich das durch sein ganzes Leben: Mittlerer Dienst, Mittelklasseautos, mittelscharfer Senf, Mittelschicht, Jackengröße M, mittel. – Und wie er sie sein Leben lang hasste, diese XL-Typen!


Nein, er war nicht gut zu sprechen auf seinen Erzeuger. Und auf seinen Schöpfer schon gar nicht.

Mittwoch, 7. Januar 2026

 Auch auf Urlaubsreisen war er wachsam und geizig. Seine Heimat trug er allerorts in seinem Herzen.


Stets hatte sie ein Auge auf die Sonderangebote. Und auf's Thermostat. Und die Nachbarn.


Sein Leben lang ging er auf Nummer sicher: Öffentlicher Dienst, jährlicher Check-up, Festgeld. Sein Leben lang hatte er Schiss.


Sonntag, 4. Januar 2026

 Hatten es die Menschen nicht mehr nötig, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, oder vermochten sie es schlicht nicht mehr? Waren sie frei oder dumm? Er selbst war alt, verunsichert, steckte fest in alten Konventionen, wusste nur, dass er sich hier nicht mehr wohl fühlte.


Im Alter dann wurden aus den Ahnungen Gewissheiten und Einsichten. Da nützte ihm das nur nichts mehr – war vielleicht noch Anlass für ein bitteres Grinsen hier und da.


Das Schlechte in den Menschen erkannte er schneller und präziser als das Gute, hatte er doch stets seine eigenen Abgründe vor Augen.

Donnerstag, 1. Januar 2026

 Seine Frau ging ihm von Jahr zu Jahr mehr auf den Sack. Verliebt war er von Anfang an nur in seine rührseligen Vorstellungen von ihr.


Ein Kind war unterwegs und wie das damals so war: Sie mussten heiraten. Er war sensibel, aus gutem Elternhaus. Sie war hübsch, aber vulgär. Für beide war's nicht einfach, nur für ihn war's die Hölle, sein Leben lang.


Ach, erzählen Sie mir doch nichts von Gerechtigkeit! Es fängt doch schon damit an, wo man hineingeboren wird und mit welcher Ausstattung und so geht das doch im Prinzip dann immer weiter.