Sonntag, 30. November 2025

 Auch im hohen Alter hing er noch am Leben. Obwohl es ihm schon längst nicht mehr gefiel, das Leben. Wahrscheinlich hing er aus Gewohnheit noch dran. Die Gewohnheit hatte immer schon über ihn bestimmt, ihn von vorn bis hinten durchs Leben bugsiert, ihm immer alles abgenommen.


Lange Zeit hatte er den Blick nach innen gerichtet, wollte was aus seiner Seele machen. Mit mäßigem Erfolg. Er schaute dann wieder nach außen, beobachtete, arbeitete an seiner Außenwirkung – und es funktionierte, es war der richtige Schlüssel, auch zu seiner Seele.


Und dann gefiel ihm die Idee, sich mehr und mehr zu verkleinern. Weniger machen, weniger haben – sich Stück für Stück aus einem Leben zu verdrücken, mit dem man nichts mehr zu schaffen hat, im Grunde noch nie was anzufangen wusste, das man nie geliebt hat.

Donnerstag, 27. November 2025

 Kleine, niedrige Zimmer in kleinen, eng aneinander gebauten Häusern im Ortskern. Gardinengeschützt. Jetzt wohnte er wieder hier, gescheitert, ratlos, am Arsch – bei seinen betagten Eltern, die ihn mit ihrem dumpfen Alltag in den Wahnsinn trieben.


Mal klopfte er lauthals irgendwelche Sprüche und dann wieder erzählte er in unangebrachter Vertraulichkeit schlüpfrige Witze und ansonsten hockte er mit mürrischer Miene da, nippte an seinem Bier und wartete darauf, dass ihm wieder was einfiel, was er raushauen konnte.


Man weiß ja nie, wofür's mal gut ist; deswegen hob er immer alles auf. Und hielt er dann nach Jahren das Zeug wieder in den Händen, wusste er tatsächlich nie, wofür's mal gut ist.

Mittwoch, 19. November 2025

Die sogenannten kleinen Leute deprimierten ihn. Mit ihrer Anständigkeit, ihren Berufen, ihren Hobbys, ihrer regulierten Freundlichkeit. Er stammte aus diesen Verhältnissen und war da nie wirklich rausgekommen, war nicht wirklich anders, verachtete sich dafür.


Er sah immer gleich das Drama, die Katastrophe. Und wenn sie dann ausblieb, die Katastrophe, dann fühlte er sich auch nicht besser.


Es war ihm zu voll da, er fühlte sich unwohl. Viele Leute hatten offenbar die gleiche Idee gehabt und er war nun einer von ihnen und das wurmte ihn tatsächlich am meisten.


Zu seinem Lebensende, schmerzhafte 4 Jahre, fragte er oft, womit er das bloß verdient hatte. Aber das war nur dahergesagt, er wusste um die Gleichgültigkeit, die Ungerechtigkeit. Leben, Sterben: Das ist in erster Linie Glückssache, das wusste er, wollte es jedoch nie hinnehmen.

Sonntag, 16. November 2025

 So viel unnütz Kram, den man auf Arbeit zu erledigen hat, um sich dann unnütz Kram kaufen zu können, sagte er neulich in der Pause in der Kantine. Meinte es aber nicht so, er kauft ganz gern irgendwelchen Kram. Seien wir doch mal ehrlich, was soll man sonst schon groß machen.


Er wusste immer einen guten Rat, für wirklich alle und alles hatte er einen auf Lager, ob nun gefragt oder ungefragt, jederzeit. Überaus belesen war er, gebildet und eben ein echter Blödmann.


Manchmal spürte er unliebsame Ahnungen oder gar Wahrheiten und war dann für einen Moment konsterniert. Selbst wenn er das, was er da spürte, schon einmal rational hergeleitet und in Worte gefasst hatte, war das Spüren dann doch nochmal eine andere Hausnummer.


Er konnte es nicht mehr hören, das Gerede der Leute. Verlogenheit, an allen Ecken und Enden Verlogenheit. Ob nun aus Feigheit, aus Höflichkeit oder aus Boshaftigkeit, das war ihm inzwischen gleich, das ehrliche Wort wünschte er sich, auch endlich mal von sich selbst.

Freitag, 14. November 2025

 In seinem Elternhaus damals hatten sie viel übers Furzen gelacht. Im Gegensatz zur Sexualität herrschte gegenüber dem Furzen immer eine gewisse Freizügigkeit und Offenheit. Man furzte, wie es einem gefiel, und lachte, was das Zeug hielt. Außer natürlich es war Besuch da.


Meine Eltern sagten damals – es muss so Mitte der 70er gewesen sein – "bumsen" fürs Furzen. Meine Mutter kam ins Zimmer rein und fragte völlig unverblümt: "Hast du etwa gebumst?"

Sonntag, 9. November 2025

 Als Kind hatte auch er Spaß an der Verkleidung, zum Karneval etwa. Als Erwachsener nicht mehr. Niemals mehr kam es ihm in den Sinn, kostümiert zu feiern. Kostümiert ging er ins Büro zur Arbeit, Tag für Tag.


Er hatte das Gefühl, vor einem bedeutsamen Wendepunkt in seinem Leben zu stehen, er ahnte, spürte es, fast wusste er es. Nun, er wird ihn verpassen, ihm aus dem Weg gehen, so wie's bisher bei allen anderen auch gewesen war.


Was für immer mehr Menschen offenbar ein ganz normaler Umgangston war, da ging er bereits in Deckung. Der Siegeszug der Rabauken, so bezeichnete er es und ab und an fragte er sich, ob da nicht sogar längst eine ganze Ära draus erwachsen war.

Donnerstag, 6. November 2025

 Er suchte keine "Inspiration" oder sonst einen Quark, er trank, um sich gut zu fühlen. Und genau das war es, was der Alkohol ihm gab, und das war im Übrigen mehr, als ihm sonst was oder sonst wer je gegeben hatte. Scheiße ja, so verhielt es sich.


Der Alkohol, so hat er es verstanden, versetzt ihn in einen Zustand, der ihn über den Alltag erhebt; eine Entwertung des Alltags, ein Akt der Verachtung. Wolle er nun vom Alkohol wegkommen, müsse er also lernen, den Alltag wertzuschätzen. – Aussichtslos, völlig aussichtslos.


Seit 8 Monaten wohnte er jetzt in dem Plattenbau. Die Miete schluckte 53% seines Einkommens und neben ihm wohnte ein Paar, beide in den frühen 40ern, er lachte wie ein Pferd wiehert und sie hatte rund um die Uhr Raucherhusten. So stellte es sich ihm dar, das Großstadtleben.


Vieles hatte er im Laufe seines Lebens probiert, sogar mit Kung Fu hatte er es mal versucht, damals in den 70ern. Aber letzten Endes lagen die Dinge ja nun doch nun mal so, wie sie nun mal lagen und darauf trank er jetzt ein Bier. Und dann sicherlich gleich noch eins.

Montag, 3. November 2025

 Die Mittagspause verbrachte er seit jeher mit zwei Graubrotschnitten; mit Käse oder Aufschnitt oder Streichwurst. Und natürlich seinem Firmenbecher mit einem Heißgetränk. In der Regel Pfefferminztee. Abends aß er dann was Warmes. So hielt er sich am Leben.


Es hinter sich bringen, abhaken, den morgigen Arztbesuch wie jedes Familientreffen oder derzeit seine zweite Ehe und auch jeden verfickten Arbeitstag, alles wollte er nur noch abhaken, das ganze Leben im Grunde nur noch abhaken.


Ungeduldig war er, hektisch. Alles, jeden Mist, jede Unwichtigkeit, tatsächlich alles musste er immer sofort erledigt haben; vordergründig für andere, im Grunde aber für sich. Was er davon hatte, wusste er selbst nicht.


Alle waren sie zufrieden mit ihm, sogar voll des Lobes waren sie, für seine absolute Zuverlässigkeit, seine Pünktlichkeit, seinen Fleiß, seine Anständigkeit. Er selbst hasste sich dafür. Er wäre gern ein anderer. Einer mit Mumm. Mit Eiern. Mit so einem Grinsen im Gesicht.


Kaum saß er daheim auf dem Sofa, war er im Kopf schon wieder im Büro bei der Arbeit. Er hatte sonst nichts, das war die traurige Wahrheit. Kleingekriegt, eingesackt, den Schneid abgekauft – er hatte es mit sich machen lassen, hatte nichts, was er je hätte erwidern können.