Freitag, 30. Januar 2026

 Inzwischen schnaubte und stöhnte er beim Essen wie früher beim …  nun, Sie wissen schon. Seiner Frau war's längst recht so, sie wollte ihn im Bett nicht mehr auf sich haben.


Glauben Sie mir, über jeden Aspekt, der sie in irgendeiner Weise äußerlich attraktiv macht, sei es auch die kleinste Kleinigkeit, ist sie sich völlig im Klaren. Auch wenn sie was anderes behauptet und daherredet; sie weiß es, seien Sie sich sicher, sie weiß es.


Privat lief bei ihm nicht mehr allzu viel, im Grunde lief da gar nichts. Ihm war's recht, der ganze Stuss bei der Arbeit reichte ihm schon, deckte seinen Bedarf an sozialer Interaktion vollkommen.

Dienstag, 27. Januar 2026

 Nein, Moralapostel, Tugendwächter und Missionare, ganz egal aus welcher Ecke, hatten ihn noch nie von irgendwas überzeugt. In dem Eifer dieser Leute sah er nichts als Unheil. Und überhaupt, er schätzte es einfach viel zu sehr, in Ruhe gelassen zu werden.


Er ist tatsächlich so einer, der so gut wie nichts besitzt und dennoch alles hat. Ja und jetzt schenken Sie dem mal was, diesem Mistkerl! 


Er stand drauf, fuhr drauf ab, auf den Style, die Musik, den Sound, die Lyrics – hörte seine Modern Talking-Platten rauf und runter. Und ich wohnte in der Wohnung nebenan.


Mit seiner Großmäuligkeit war er auf eine lächerliche Art einschüchternd, selbst seine körperliche Imposanz geriet zur Karikatur.


Seine selbstverordnete Coolness verbat ihm emotionale Bewegtheit. Was ihn noch putziger machte.


Samstag, 24. Januar 2026

 Auf der Arbeit war er angespannt, ängstlich – unfrei bis ins Mark. Seit jetzt über 30 Jahren.


Wie lange noch, fragte er sich ein ums andere Mal. Seine Pechsträhne, seine Gesundheit, sein Leben, sein in die Jahre gekommener Kühlschrank …: Wie lange noch?


Über jede Nichtigkeit empörte er sich, geriet er außer sich, bittere Leserbriefe schrieb er, Social-Media-Kommentare, Google-Rezensionen, wutentbrannt haute er in die Tasten – um sich nicht mit seiner eigentlichen Misere auseinanderzusetzen, um weiterzumachen, um durchzuhalten.


Dann zog er nach Berlin, machte Punkrock in Berlin, hoffte auf den Durchbruch, mit Punkrock in Berlin.

Mittwoch, 21. Januar 2026

 Eine miese Arbeit und dann Einsamkeit und Elend am Wochenende. 47 ist er jetzt, im besten Alter.


Jedes Mal, wenn er bei Dienstschluss vergaß, sein Namensschild abzulegen und es mit nach Hause trug, war der Feierabend für ihn gelaufen. Er wollte dieses Drecksding nicht in seiner Wohnung haben, hasste es wie die Pest.


Voller Sentimentalität und Selbstmitleid sprach er von der Beschwerlichkeit des Lebens. Nur von seinen Krankheiten sprach er noch lieber.

Montag, 19. Januar 2026

 Die Zeit im Büro war dröge, nervtötend. Und die außerhalb des Büros nun auch. Das Büro hatte abgefärbt, nach und nach auf alles in seinem Leben abgefärbt.


Groß- und Wichtigtuerei im Büro: Karriere, Beförderung, Ellenbogen. Ihm war und blieb das alles fremd und in den Augen der Kollegen wurde er mehr und mehr dieser alte Kauz, der immer so grinste und in den unpassendsten Momenten loslachte. Der eindeutig einen an der Waffel hatte.


Im Grunde fuhr er schon gar nicht mehr jeden Morgen zur Arbeit ins Büro, längst war das Büro in ihm drin.

Samstag, 17. Januar 2026

 Aber was will man machen, die Menschen sind nun mal so. Aufspielen müssen sie sich, immerzu wegen irgendwas aufspielen, beseelt von irgendeiner vermeintlichen Wichtigkeit – so manch Prachtexemplar gar von der eig'nen – und so geben sie dann nie eine Ruh'.


Ständig waren sie am Machen und Tun. Sie konnten nicht anders, nur im Machen und Tun ertrugen sie's: das Leben, den Alltag, die Sinnlosigkeit.


Konfrontiert mit dem Vorwurf der Faulheit sagte er, er sei mehr der kontemplative, weniger der aktive Typ Mensch. Das Wort kontemplativ hatten sie noch nie gehört und hätte er es ihnen erklärt, hätten sie ihm noch ganz andere Dinge an den Kopf geworfen.

Dienstag, 13. Januar 2026

 Bei der Arbeit im Büro erzählte er viel von seiner Familie. Und zu Hause bei seiner Familie dann viel von der Arbeit. Und niemand wollte den Scheiß hören.


Aber was wollten sie eigentlich wirklich von ihm: Haltung zeigen oder doch eher Haltung annehmen?


Er würde gern mal wieder ausgiebig Bier trinken, einmal nur. So wie damals, Unmengen Bier, das ganze Wochenende durch. Aber seine Frau ... – selbst wenn sie mal weg wäre, würde sie ja anrufen und was merken. Und so blieb es dabei: Er würde gern mal wieder ausgiebig Bier trinken.


Nun, er nahm es hin. Nahm es locker hin. Im Hinnehmen machte ihm so leicht keiner was vor.

Samstag, 10. Januar 2026

 Fettdunst in der Küche und den Köpfen. Stickige Gemütlichkeit. Stumpfsinn und Verdruss.


Dies alberne Treiben der Leute ging ihm auf die Nerven, ihre törichte, infantile Freude. Ihm war derlei Spaß zuwider, diese Art Freude längst abhanden gekommen – die Freude generell, eingetauscht hatte er sie, in jungen Jahren schon, gegen Hochmut und Hass.


Seine häufigste Schulnote damals war immer die 3 gewesen. Und so ging das dann weiter, zog sich das durch sein ganzes Leben: Mittlerer Dienst, Mittelklasseautos, mittelscharfer Senf, Mittelschicht, Jackengröße M, mittel. – Und wie er sie sein Leben lang hasste, diese XL-Typen!


Nein, er war nicht gut zu sprechen auf seinen Erzeuger. Und auf seinen Schöpfer schon gar nicht.

Mittwoch, 7. Januar 2026

 Auch auf Urlaubsreisen war er wachsam und geizig. Seine Heimat trug er allerorts in seinem Herzen.


Stets hatte sie ein Auge auf die Sonderangebote. Und auf's Thermostat. Und die Nachbarn.


Sein Leben lang ging er auf Nummer sicher: Öffentlicher Dienst, jährlicher Check-up, Festgeld. Sein Leben lang hatte er Schiss.


Sonntag, 4. Januar 2026

 Hatten es die Menschen nicht mehr nötig, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, oder vermochten sie es schlicht nicht mehr? Waren sie frei oder dumm? Er selbst war alt, verunsichert, steckte fest in alten Konventionen, wusste nur, dass er sich hier nicht mehr wohl fühlte.


Im Alter dann wurden aus den Ahnungen Gewissheiten und Einsichten. Da nützte ihm das nur nichts mehr – war vielleicht noch Anlass für ein bitteres Grinsen hier und da.


Das Schlechte in den Menschen erkannte er schneller und präziser als das Gute, hatte er doch stets seine eigenen Abgründe vor Augen.

Donnerstag, 1. Januar 2026

 Seine Frau ging ihm von Jahr zu Jahr mehr auf den Sack. Verliebt war er von Anfang an nur in seine rührseligen Vorstellungen von ihr.


Ein Kind war unterwegs und wie das damals so war: Sie mussten heiraten. Er war sensibel, aus gutem Elternhaus. Sie war hübsch, aber vulgär. Für beide war's nicht einfach, nur für ihn war's die Hölle, sein Leben lang.


Ach, erzählen Sie mir doch nichts von Gerechtigkeit! Es fängt doch schon damit an, wo man hineingeboren wird und mit welcher Ausstattung und so geht das doch im Prinzip dann immer weiter.

Sonntag, 28. Dezember 2025

 Und als er es dann endlich tat, merkte er, dass es keine große Sache war; wieder mal. Deswegen hatte er es vor sich her geschoben, in seiner Vorstellung waren die Dinge stets bedeutend, in der Realität dann nur fade und banal.


Sinnlos, sich darüber schon jetzt Gedanken zu machen. Sinnlos, sich darüber überhaupt Gedanken zu machen. – Diese Gedankenmacherei als solche erschien ihm sowieso fraglich. Hatte sein Gehirn nichts Besseres zu tun, langweilte es sich?


Aber wie zu erwarten war, schmückte er in seiner Ansprache das übliche, altgediente Gefasel einfach nur mit den derzeit obligatorischen Schlagwörtern. Und wie zu erwarten war, war die gespielte Zustimmung groß.

Mittwoch, 24. Dezember 2025

 Im Ruhestand will er dann ein Buch schreiben. Über all die turbulenten Begebenheiten während seines beruflichen Werdegangs, über seine Reisen, seine gewonnenen Einsichten, seine Philosophie. Das Buchcover hat er schon vor Augen, mit diesem einen ausdrucksstarken Foto von sich.


Manchmal betrank er sich noch. Na ja, er versuchte es. So etwas wie ein Rausch stellte sich nicht mehr ein, der Alkohol lief irgendwie nur noch ins Leere. Er schenkte sich dann trotzdem einen nach, einen doppelten, und dann noch einen, in der Beziehung war er bockig.


Er hatte das, was ist, aus den Augen verloren, befasste sich nur noch mit dem, was er gern hätte, was er sich zurechtphantasierte, sich zu kaufen versuchte.


Und wieder redete er in seiner Ansprache viel von Zuversicht; Zuversicht in das und Zuversicht in dieses, Zuversicht hier, Zuversicht da ... Gut, er meinte es ja nicht so, er war ja weder blind noch blöd.


Je aufdringlicher und fordernder eine Person auftritt, umso weniger darf man ihr entgegenkommen. Es wäre schön, wenn sich bitte alle daran halten. Vielen Dank.