Samstag, 10. Januar 2026

 Fettdunst in der Küche und den Köpfen. Stickige Gemütlichkeit. Stumpfsinn und Verdruss.


Dies alberne Treiben der Leute ging ihm auf die Nerven, ihre törichte, infantile Freude. Ihm war derlei Spaß zuwider, diese Art Freude längst abhanden gekommen – die Freude generell, eingetauscht hatte er sie, in jungen Jahren schon, gegen Hochmut und Hass.


Seine häufigste Schulnote damals war immer die 3 gewesen. Und so ging das dann weiter, zog sich das durch sein ganzes Leben: Mittlerer Dienst, Mittelklasseautos, mittelscharfer Senf, Mittelschicht, Jackengröße M, mittel. – Und wie er sie sein Leben lang hasste, diese XL-Typen!


Nein, er war nicht gut zu sprechen auf seinen Erzeuger. Und auf seinen Schöpfer schon gar nicht.

Mittwoch, 7. Januar 2026

 Auch auf Urlaubsreisen war er wachsam und geizig. Seine Heimat trug er allerorts in seinem Herzen.


Stets hatte sie ein Auge auf die Sonderangebote. Und auf's Thermostat. Und die Nachbarn.


Sein Leben lang ging er auf Nummer sicher: Öffentlicher Dienst, jährlicher Check-up, Festgeld. Sein Leben lang hatte er Schiss.


Sonntag, 4. Januar 2026

 Hatten es die Menschen nicht mehr nötig, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, oder vermochten sie es schlicht nicht mehr? Waren sie frei oder dumm? Er selbst war alt, verunsichert, steckte fest in alten Konventionen, wusste nur, dass er sich hier nicht mehr wohl fühlte.


Im Alter dann wurden aus den Ahnungen Gewissheiten und Einsichten. Da nützte ihm das nur nichts mehr – war vielleicht noch Anlass für ein bitteres Grinsen hier und da.


Das Schlechte in den Menschen erkannte er schneller und präziser als das Gute, hatte er doch stets seine eigenen Abgründe vor Augen.

Donnerstag, 1. Januar 2026

 Seine Frau ging ihm von Jahr zu Jahr mehr auf den Sack. Verliebt war er von Anfang an nur in seine rührseligen Vorstellungen von ihr.


Ein Kind war unterwegs und wie das damals so war: Sie mussten heiraten. Er war sensibel, aus gutem Elternhaus. Sie war hübsch, aber vulgär. Für beide war's nicht einfach, nur für ihn war's die Hölle, sein Leben lang.


Ach, erzählen Sie mir doch nichts von Gerechtigkeit! Es fängt doch schon damit an, wo man hineingeboren wird und mit welcher Ausstattung und so geht das doch im Prinzip dann immer weiter.

Sonntag, 28. Dezember 2025

 Und als er es dann endlich tat, merkte er, dass es keine große Sache war; wieder mal. Deswegen hatte er es vor sich her geschoben, in seiner Vorstellung waren die Dinge stets bedeutend, in der Realität dann nur fade und banal.


Sinnlos, sich darüber schon jetzt Gedanken zu machen. Sinnlos, sich darüber überhaupt Gedanken zu machen. – Diese Gedankenmacherei als solche erschien ihm sowieso fraglich. Hatte sein Gehirn nichts Besseres zu tun, langweilte es sich?


Aber wie zu erwarten war, schmückte er in seiner Ansprache das übliche, altgediente Gefasel einfach nur mit den derzeit obligatorischen Schlagwörtern. Und wie zu erwarten war, war die gespielte Zustimmung groß.

Mittwoch, 24. Dezember 2025

 Im Ruhestand will er dann ein Buch schreiben. Über all die turbulenten Begebenheiten während seines beruflichen Werdegangs, über seine Reisen, seine gewonnenen Einsichten, seine Philosophie. Das Buchcover hat er schon vor Augen, mit diesem einen ausdrucksstarken Foto von sich.


Manchmal betrank er sich noch. Na ja, er versuchte es. So etwas wie ein Rausch stellte sich nicht mehr ein, der Alkohol lief irgendwie nur noch ins Leere. Er schenkte sich dann trotzdem einen nach, einen doppelten, und dann noch einen, in der Beziehung war er bockig.


Er hatte das, was ist, aus den Augen verloren, befasste sich nur noch mit dem, was er gern hätte, was er sich zurechtphantasierte, sich zu kaufen versuchte.


Und wieder redete er in seiner Ansprache viel von Zuversicht; Zuversicht in das und Zuversicht in dieses, Zuversicht hier, Zuversicht da ... Gut, er meinte es ja nicht so, er war ja weder blind noch blöd.


Je aufdringlicher und fordernder eine Person auftritt, umso weniger darf man ihr entgegenkommen. Es wäre schön, wenn sich bitte alle daran halten. Vielen Dank.

Freitag, 19. Dezember 2025

 Er fand den Beruf, den er jetzt seit über 30 Jahren ausübte, von Anfang an lächerlich. Deshalb hielt er es all die Jahre aus.


Die Lebensphase der Erwerbsarbeit war rückblickend ein übler Scherz, ein grausamer Witz – und er steckte immer noch mittendrin.


Und er saß mit ihm in einem Büro, musste mit ihm kooperieren, mit ihm klarkommen. Mit ihm reden musste er. Ihn ertragen, all die Jahre.


Sich nach getaner Arbeit dem Alkohol zu widmen, war das einzige, was ihm noch einfiel nach über 30 Jahren der immer gleichen getanen Arbeit.

Dienstag, 16. Dezember 2025

 Er misstraut nun mal diesen Typen, die einfach so nie Alkohol trinken und auch sonst nichts nehmen. Besonders den Netten und Fröhlichen. So wie der da drüben einer ist. Die Leichen im Keller bei dem stapeln sich doch bis unter die Decke, das sieht doch 'n Blinder mit Krückstock.


Je länger es mal gut lief in seinem Leben, desto angespannter wartete er auf den nächsten Tiefschlag. Er konnte's dann kaum abwarten, dass er endlich wieder was vor'n Latz geknallt bekam, damit er's dann hinter sich hatte und das Scheißspiel von vorn losgeh'n konnte.


"Verrecken müssen wir alle", sagte er und rotzte auf den Gehweg, "es bleibt einem nur zu hoffen, dass es dann schnell geht und ohne Ankündigung. Und dass man vorher auch mal gelebt hat. Seinen Spaß gehabt hat." Und damit war von seiner Seite aus soweit alles gesagt.

Samstag, 13. Dezember 2025

 Sein bedrucktes T-Shirt ließ den Schluss zu, dass er gern in fröhlicher Geselligkeit viel Bier trank. Darüber, zu welchem Zweck er diese Botschaft vor sich hertrug, ließ sich nur spekulieren.


Kleidung kaschiert oder betont. Vermittelt vielleicht ein Image. Attraktivität aber kommt von einem selbst oder eben nicht. So banal diese Einsicht auch war, so sehr half sie ihm dann beim Sparen.


Er hielt aber mehr von Leuten, die kein Trara machten. Vor allem kein Trara über Religion und kein Trara über Politik. Die umgänglich waren, anständig, ohne einem mit ihren Überzeugungen in den Ohren zu liegen. Und die auch mal einen Witz machen konnten, auf eigene Kosten.

Donnerstag, 11. Dezember 2025

 Er machte sich nichts mehr vor, die wenigen noch verbliebenen Illusionen waren blass, zerschlissen, kraftlos und neue stellten sich schon lange nicht mehr ein. Er fühlte sich deswegen nicht unbedingt unglücklich, glücklich aber auch nicht; nun denn, ein Stück Freiheit war's.


Musste er sich anhören, wie andere wortreich von etwas schwärmten, einem Kinofilm etwa, einem Sonnenuntergang oder dem letzten Festtagsessen, so ließ er es eben über sich ergehen, wie eine Zahnbehandlung etwa, eine Magenspiegelung oder die letzte Familienfeier.


Das Aufstellen und engmaschige Überwachen ausgeklügelter Regeln gefiel ihm zusehends. In der kleingeistigen Gängelung anderer sah er seine Bestimmung, den Grund sich morgens aus dem Bett zu erheben, anders war das nicht mehr zu erklären.


Zu Geburtstagen oder Weihnachten verschenkte er Dinge, die ihm selbst gefielen, die er sich selbst auch schon zugelegt hatte. Und nicht nur beim Schenken, bei allem ging er von sich aus, von seiner Sicht, seinem Geschmack, seiner Überzeugung. Er war da recht unkompliziert.


Nun, in seinem ganzen Auftreten bündeln sich so einige charakterliche Defizite. Aber das sieht er nicht, selbstverständlich sieht er das nicht. Was er sieht, ist, dass er ungerecht und unangemessen behandelt wird; von allen, überall, wieder und wieder.

Sonntag, 7. Dezember 2025

 Eigentlich wollte er die Versöhnung, er war es müde, sich über die Menschen aufzuregen, sich ärgern zu lassen. Nicht, dass er gleich mit ihnen lachen oder ihnen auf die Schulter klopfen wollte. Er wünschte sich nur, seine Müdigkeit würde ihn endlich etwas nachsichtiger machen.


Sein Reden war geprägt von Häme und Süffisanz. Seine Selbstgefälligkeit wollte das so.


Sie unterhielten sich, aber eigentlich lud der eine wie der andere nur seinen Scheiß beim anderen ab. Sie ließen sich nicht ausreden, fielen sich immerzu ins Wort, aber das schien sie nicht im geringsten zu stören, es war wohl eine Übereinkunft zwischen ihnen, ein Verstehen.

Mittwoch, 3. Dezember 2025

 Auch hier reden sie wieder viel von Unternehmenskultur, Wertschätzung, Teambuilding und auch hier fallen sie hinterrücks übereinander her, zerreißen sich das Maul über Privates wie Berufliches. Die Arbeit selbst ist dröge, belanglos, vielleicht liegt's daran.


Als Teambildungsmaßnahme waren jetzt alle per Du, vom Auszubildenden bis zur Leitung. Die Illusion von Nähe und Vertraulichkeit machte einige leichtsinnig, was jedes Mal eine auffallend empfindliche und energische Reaktion nach sich zog. Viele wünschten sich das Sie zurück.


Am besten, man trägt für jede Gelegenheit und jedes Thema stets die richtige, zustimmende Floskel auf der Zunge. Authentizität ist seltener Luxus oder aber große Dummheit.


Schon früh hatten sie ihm eingetrichtert, dass Arbeit so viel mehr sei als Geld verdienen. Von zentraler Bedeutung sei sie, essentiell, und er hatte das geglaubt und gelebt und als sie ihn in der Firma mit Mitte 50 aufs Abstellgleis schoben, litt er wie ein Hund – war er am Ende.

Sonntag, 30. November 2025

 Auch im hohen Alter hing er noch am Leben. Obwohl es ihm schon längst nicht mehr gefiel, das Leben. Wahrscheinlich hing er aus Gewohnheit noch dran. Die Gewohnheit hatte immer schon über ihn bestimmt, ihn von vorn bis hinten durchs Leben bugsiert, ihm immer alles abgenommen.


Lange Zeit hatte er den Blick nach innen gerichtet, wollte was aus seiner Seele machen. Mit mäßigem Erfolg. Er schaute dann wieder nach außen, beobachtete, arbeitete an seiner Außenwirkung – und es funktionierte, es war der richtige Schlüssel, auch zu seiner Seele.


Und dann gefiel ihm die Idee, sich mehr und mehr zu verkleinern. Weniger machen, weniger haben – sich Stück für Stück aus einem Leben zu verdrücken, mit dem man nichts mehr zu schaffen hat, im Grunde noch nie was anzufangen wusste, das man nie geliebt hat.