Altersfett ist er geworden, behäbig in seinem bürgerlichen Wohlstand – und dabei so süffisant und selbstgefällig, als hätte er sein ganzes Leben darauf hingearbeitet, so zu sein.
Nicht nur bei den Dienstbesprechungen, die ganzen Arbeitstage über musste er sich inzwischen zusammenreißen, sich verstellen – verhehlen, wie absurd und lächerlich er das alles nur noch fand, wie er sich über seine Arbeit amüsierte und sich für sie schämte.
Er glaubte aber vor allem an das, von dem er glaubte, dass man es ihm vorenthielt. Geradezu besessen war er von diesen Vorstellungen, waren sie doch für ihn die einzig noch verbliebene Zuflucht in seinem von vorn bis hinten misslungenen Leben.
Beim Lotto wieder nur drei Richtige. Kleine Häppchen ab und an, dass man dranblieb. So lief das eben. Aber ja nicht nur beim Lotto, so lief das doch generell und genau deswegen spielte er weiter, er wollte an den großen Kuchen, wollte sich nicht auf ewig billig abspeisen lassen.
Manchmal stellte er sich noch vor, er würde sich mal wieder tagelang volllaufen lassen. Aber es wäre ja zwecklos. Für was sollte er sich noch betrinken, wohin wollte er sich betrinken? Auch in der Trunkenheit wartete doch schon längst nichts mehr auf ihn.
Der Alkoholrausch lief nur noch ins Leere und dennoch versuchte er es wieder und wieder. Jedes Wochenende. In seiner Vorstellung, in der Vorfreude, da funktionierte der Rausch noch – und ließ ihm keine Ruhe.
Und wie er dann das Bier für sich entdeckte – noch in der Schulzeit war's –, da war's auch schon um ihn gescheh'n. Das konnte ja nichts werden mit dem Burschen, dem verrückten: ein Tunichtgut zuletzt, ein herzensguter zwar, aber eben ein Tunichtgut und Habenichts, ein Schelm.
Er ist wieder gesund, kann wieder essen, wieder seinen Kaffee trinken und schon morgen, spätestens übermorgen, ist das auch schon wieder eine Selbstverständlichkeit. Die Gewöhnung geht schnell; an das Gute stets schneller als an das Schlechte, da ist der Mensch undankbar.
Bis man die Gebrauchsanweisung für so'n Leben einigermaßen zu Ende studiert hat, da isses ja auch schon fast wieder um, das Leben. Bleibt einem hoffentlich nur der glückliche Umstand, dass all das, was man falsch gemacht hatte, nicht zu gravierend, nicht verhängnisvoll war.