Samstag, 2. Juli 2022

 Der Alkohol hatte ihm im Grunde ja nur noch Stumpfsinn anzubieten. Nach kurzer Überlegung nahm er das Angebot an.


Für diese besoffenen Radaubrüder da auf der Straße und ihr schäbiges Gegröle hatte er kein Verständnis. Sein Besoffensein war ja anders, mehr so privat.


Die Hitze machte ihn träge und gleichgültig. Draußen im Hof regte sich irgendein Schreihals wegen irgendwas auf und schrie rum. Ihn machte die Hitze träge und gleichgültig und er beließ es dabei.


Als er nach über 10 Jahren mal wieder in dem "alternativen Szeneviertel" seiner alten Heimat unterwegs war und er alles sogleich wiedererkannte, erkannte er nun auch die alberne Fassadenhaftigkeit des Ganzen.

Dienstag, 28. Juni 2022

 In seiner Freizeit trug Gerd E. oft T-Shirts mit Totenschädeln und martialischen Schriftzügen darauf. Dabei war er dem Leben aber durchaus zugewandt, besuchte Volksfeste und aß gern Bratwurst mit mittelscharfem Senf.


Olaf F. hatte damals bei uns im Ort das mit Abstand schnellste und abgefahrenste Moped weit und breit. Danach verlief sein Leben allerdings weniger spektakulär.


Ein schönes Leben will er sich machen. Spätestens wenn er in Rente ist, macht er sich ein schönes Leben! – Dabei hat er aber irgendwie so eine Ahnung, dass er ja dafür gar kein Talent hat, für so ein schönes Leben.


Hinter ihrer professionellen Freundlichkeit und aufgesetzten Fröhlichkeit ging es aber alles andere als freundlich und fröhlich zu. Ihre vulgären Gedanken hielten sie bei all dem Hochglanz-Gehabe um sie herum im Gleichgewicht.


Titten! Er war besessen von Titten. Groß, klein, rund oder spitz: ganz egal, Hauptsache Titten!
Als ihm dann mit Mitte 40 selbst welche wuchsen, war die Besessenheit allerdings schon vorher etwas abgeflaut.

Mittwoch, 22. Juni 2022

 Nun ja, er hatte Dinge zu erledigen, sein ganzes Leben hatte er Dinge zu erledigen.


Sie war anstrengend, aber alle Anstrengung wert. Ihr großes Herz war ein unglaublicher Ort.


Ihre Unterschrift war großspurig und verschnörkelt, genau wie ihre Garderobe und ihr ganzes Auftreten. Sie hatte Freude am Leben, denn sie kannte es auch anders.


Irgendwann war für ihn einfach die Zeit der literarischen Bücher vorbei, sie ermüdeten ihn, auch die "Klassiker", die ihn früher so begeistert hatten. Er wollte nur noch unterhalten, abgelenkt werden und da machte Hollywood sowieso den besseren Job.


Da saß er also rum in seiner Plattenbaubude, goss sich noch einen ein und stellte sich ein gelungenes Leben vor, so mit allem Drum und Dran. Dann stand er auf und warf einen Blick aus dem Fenster, auf den Plattenbau gegenüber. – Ein "gelungenes Leben", wie lächerlich!


Er macht diese Arbeit seit 20 Jahren; mehr schlecht als recht, denn der ganze berufliche Bullshit hat ihn nie interessiert und erst jetzt, wo sein Leben dermaßen in der Sackgasse steckt, begreift er, dass dieser Bullshit ihn doch nach und nach in die Knie gezwungen hat.

Samstag, 18. Juni 2022

 Der Aktenkoffer mit diesen lächerlichen Zahlenschlössern war ein Geburtstagsgeschenk seiner Frau. Er hatte so getan, als gefiele er ihm. Er traute seiner Frau nicht zu, dass sie sich über ihn und seinen Beruf vielleicht nur lustig machen wollte.


Diese lauthalsigen Menschen wieder überall, ihr Gemache und Getöse: was für eine Plage!  –  Es sollte Ruhetage geben, richtige Ruhetage, nicht diese religiösen, nein, solche, die einfach nur der Ruhe Achtung erweisen.


Das Bett ungemacht, eindeutige Verkrustungen auf der Bettwäsche und auch drumherum und sie lachten viel und dreckig. Heute erinnert nichts mehr daran: getrennte Schlafzimmer, Designermöbel und die osteuropäische Putzfrau kommt zweimal im Monat. Sie haben es geschafft.


Ehrlich und aufrichtig wollten sie sein. Und dabei immer respektvoll bleiben. Ihnen war klar geworden, wie elementar wichtig das ist, und es dauerte auch tatsächlich fast eine ganze Woche, bis sie sich wieder gegenseitig was vormachten.


Er lebte wieder allein und er hatte nichts zu tun und auch nichts vor und morgen hatte er frei. Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich damit in die Küche und für einen kurzen Moment, da konnte er sein Glück kaum fassen.

Montag, 13. Juni 2022

 Im Schutz seiner Einzimmerwohnung gab er sich seinen Grübeleien hin, dachte in seinen Begrifflichkeiten, während die Realität da draußen schon längst eine neue Sprache diktierte.


All das leere Geschwätz sollte ihnen endlich mal so richtig um die Ohren fliegen! – Das leere Geschwätz aber ließ sich nicht beirren und ging weiter, immer weiter, die Leute liebten es.


In den Job war er damals mit Mitte 20 aus Mangel an Interessen und Alternativen so reingerutscht. Damals war er Nihilist; alles abzulehnen, weil's ja doch keinen Wert hat, fand er cool und richtig. Inzwischen ist nichts mehr cool und in dem Job steckt er immer noch.


Manchmal brachte er dem Leben so viel Verachtung entgegen, vor allem seinem eigenen, dass er sich selbst wünschte, ein gewaltiger Blitz solle ihn doch einfach beim Scheißen treffen. Das sei die passende Verabschiedung, für ihn und für seine Sicht der Dinge.


In der kostenlosen Sonntagszeitung wird heute auf der ersten Seite des Lokalteils ein Eisenbahnmodellbauer porträtiert. Vor ein paar Wochen war's ein Sammler von Bierkronkorken. Der Modellbauer ist verheiratet, der Bierkronkorkentyp nicht. Ich les' so was gerne.

Mittwoch, 25. Mai 2022

 Dieser aufgeblasene Kulturbetrieb hatte ihm in jungen Jahren den Kopf verdreht und dann sein Leben ruiniert. Ein solides Handwerk, das wär's gewesen, was mit Holz oder Stein. Und der Kultur hätte er sich privat zugewandt, ganz im Stillen, er hätte sie genossen.


Da gibt es ja schon so Leute, die haben so eine Art an sich, so eine Haltung und so einen stattlichen Ehrgeiz, denen schaut man schon mal gern beim Scheitern zu, ganz ohne Gehässigkeit, einfach nur so.


Seine Herzlichkeit ist mit den Jahren porös geworden, rau und zerbrechlich. Er ist jetzt vorsichtiger mit ihr, setzt sie nicht mehr leichtfertig aufs Spiel.


Nach seinen Innenstadt- und Jahrmarktbesuchen beeindruckt Joachim O. seine Gesprächspartner*innen doch immer wieder mit seinen erschütternden Berichten über die aktuellen Preisentwicklungen im Bratwurst- und Eiskugelsektor.

Mittwoch, 11. Mai 2022

 Die Depression ist eine miese Drecksau, die dich belügt und betrügt. Alles ist schlimm und furchtbar, flüstert sie dir ein und du glaubst und empfindest das und alles macht dir Angst. Aber manchmal, für einen kurzen Moment, ahnst du, dass sie dich nur verarscht.


Zu Ende gedacht läuft es nun mal immer auf den Tod hinaus. Ist vielleicht ratsam, sich beizeiten eine Resignation anzueignen, am besten eine mit einem milden Lächeln und einem Scherz auf den Lippen. Oder du wirst auf deine alten Tage doch noch religiös.


Irgendwann suchte er dann in allem nur noch den Humor. Selbst in den schrecklichsten Dingen suchte er den Humor.


Sie war verunsichert, wusste immer häufiger nicht mehr, ob er nun lachte oder bitterlich weinte. Er wusste es selbst nicht, es lief irgendwie auf das Gleiche hinaus.

Montag, 9. Mai 2022

 In den 80ern hatten wir noch eine Dorfkneipe, einen Dorffriseur und einen Dorfladen. Da hingen dann immer die handgemachten Plakate mit der Dorfkirmesankündigung. War 'ne große Sache, die Kirmes. Die Typen vom Nachbardorf sollten nur kommen.


Noch schlimmer als sein Arbeitsleben war eigentlich nur sein Privatleben.


Am Wochenende zieht er dann los, säuft sich einen an und hält Ausschau nach einem, den er dann zusammenschlägt. Es macht ihm Spaß sich zu schlagen, weil er es gut kann und weil er sich dann gut fühlt, ganz einfach. Die ganze verfickte Arbeitswoche freut er sich drauf.


In dem Ladengeschäft war er jetzt zu oft; der Verkäufer erkannte ihn, nickte freundlich und dann machte er auch noch Small Talk. Er ging fortan zur Konkurrenz ein paar Straßen weiter und am liebsten sowieso in die anonymen Kaufhäuser.


Wieder und wieder suchte er die Frau fürs Leben: sexuell ansprechend, intellektuell auf Augenhöhe, kompatibler Humor. Funktioniert hat es schließlich mit Mutter 2.0.

Mittwoch, 27. April 2022

 Er dachte nur noch von Woche zu Woche, immer öfter auch nur noch von Tag zu Tag. Eine andere Strategie hatte er nicht. Als Kind und junger Mann hatte auch er sich noch ganze Leben erdacht.


Er merkte es gleich: Bei allem, was sie ihm sagte, vermutete sie, dass er es hören wollte. Das deprimierte ihn nur noch mehr.


Seine Schulzeit war eine Farce und seine ethische Orientierung beruht auf dem RTL2-Nachmittagsprogramm. In drei Monaten wird er Vater.


Bier trinken und Gott 'nen guten Mann sein lassen: Jede Form von Frieden ist mir recht und diese ganz besonders.


Bei diesen Dingen, die vielen Leuten doch wichtig sind, – Strandurlaube, Geldanlagen, Möbel, sexuelle Eroberungen, ein Auto fahren, Armbanduhren – ist er etwas achtlos; eine richtige Lusche, wie er selbst sagt. Er schlendert lieber durch die Gegend und ist zu allen freundlich.


Jahrmarktsgetöse, Mief hinter kandierten Fassaden. Es ist Sonntag und die Leute gehen hin.


Bevor ich hier noch für irgendwas den Kopf hinhalten muss, geb' ich ihn doch lieber morgens beim Reinkommen gleich an der Garderobe ab, witzelt Herr L. gern über seine Arbeit. In 5 Monaten geht er in Rente und er weiß nicht, was er dann machen soll. Er weiß es wirklich nicht.

Freitag, 22. April 2022

 Bevor er sich von der Arbeit noch verrückt machen ließ, brachte er ihr lieber eine gesunde Portion Verachtung entgegen. So läuft das nun mal in einem reinen Abhängigkeitsverhältnis.


Alles muss heutzutage "schlank und effizient" sein und das Bierdosenblech wird auch immer dünner, man mag die Dinger ja kaum noch in die Hand nehmen. Alles machen sie einem kaputt, alles!


Gefangen in einem Beruf, einer Ehe – in einem Leben, das ihn von Tag zu Tag unglücklicher macht, stellt er sich gerade vor, ihn ereilt eine unheilbare Krankheit, die ihm nur noch ein paar Jahre lässt. Für zumindest diese Jahre hätte er dann den Mut zur Freiheit, denkt er.


Seine Eltern lebten ein Leben voller Zwänge und Missgunst. Er machte alles anders und die Falle, in die er dann schließlich geriet, war auch nicht ohne, aber es war seine eigene – was es aber auch nicht unbedingt besser machte.


Diese ganze Ratgeber- und Kalenderspruchpsychologie, mit der sie ihm dann kamen, die nahm ihm dann endgültig das Interesse an jeglicher Innenschau. Er machte sich über andere Dinge Gedanken, pragmatische Dinge. Das half.


Er verdiente gut, mehr als gut, dabei war seine Arbeit, im Grunde der ganze Beruf, unnötig, absurdes Blendwerk. Er wusste, ohne die Anstellung wäre er aufgeschmissen, er konnte nichts richtig, hatte niemandem wirklich was zu bieten. Wem sollte er was vormachen?

Mittwoch, 20. April 2022

 Eindeutig das schlimmste an den Feiertagen sind die Feiertage.


Als Hampelmann seiner Ungeduld hampelte er durchs Leben, nervte, machte sich und andere verrückt. Tja, so war er und so war dann auch sein Leben.


Er knackte eine Bierdose auf und nach einer kurzen Pause redete sie am anderen Ende der Telefonleitung mit veränderter Stimme weiter. Es kümmerte ihn nicht, er machte ihr nichts mehr vor, er machte niemandem mehr was vor. Was sollte der ganze Bullshit überhaupt noch?


Er erinnerte sich: Sein Gürtel war aus Plastik, seine bunten Hosen kratzten, die Schule war ein seelenloser Plattenbau und im Schulbus wurde ihm jedes Mal schlecht. Zuhause roch es nach Zwiebeln und kaltem Stein. Das Leben war ihm unangenehm, immer schon.


Die Zeit kroch ihm davon und er ließ sie machen.


Er hatte so seine Probleme im Zwischenmenschlichen und so verordneten sie ihm Liebe: Selbstliebe! – Zuvörderst solle er lernen, sich selbst zu lieben, sich zu achten und er hatte keinen blassen Schimmer, von was diese Arschficker da überhaupt redeten.

Donnerstag, 14. April 2022

 Durchs Küchenfenster wirft er einen kurzen Blick auf die Straße, nichts und niemand erwartet ihn. Im Kühlschrank steht noch Bier.


Sein dröger Beruf war ein Auslaufmodell, er auch. Seine Ehe, seine Bürgerlichkeit, sein bescheidener Wohlstand: eine Farce, die ihn Tag für Tag verhöhnte, ihn lähmte. Seine Schwiegereltern erzählten rum, er habe eine Midlife-Crisis.


Der Anlass war klein, die Aufregung groß. Hysterie und Langeweile, irgendsowas, und während sie keifte und spuckte, kippte er im Stehen sein Bier und warf dabei theatralisch den Kopf in den Nacken, wie so'n Dirigent oder wie'n Bekloppter. Im Fernseher lief "Medical Detectives".


Er geht jetzt auf die 50 zu und er prahlt immer noch damit, wie viel Alkohol er verträgt. Nun ja, mit seiner zweiten großen Leidenschaft, dem dekorativen Bemalen von Dachziegeln, ist er nun mal nicht in dem Maße erfolgreich.


Früher nutzte er den Sonntag, um seinen Kater auszukurieren. Der Tag hatte seinen Zweck und auch diese Gemütlichkeit, die Zeit ging ganz von selbst rum und es ging einem nach und nach besser. Jetzt sind Sonntage nur noch Sonntage. Der Sauferei weint er keine Träne nach, den alten Sonntagen schon.


"Eher friert die Hölle zu, als dass ich ...", verkündete er lauthals. Und dann brach offenbar die Zeit der gefrorenen Hölle heran.


Die Haare trägt er kurz und die Fäuste geballt
So zieht er los, ist geil auf Gewalt
Äußerlich mächtig feist
Drinnen noch ein Kind im Geist
Ein Idiot, wie er im Buche steht
(er selbst den Büchern aus dem Wege geht)
Gewalt ist seine Zier
Gut, ich hol mir jetzt besser noch'n Bier

Dienstag, 5. April 2022

 Jedes Mal, wenn er sich wegen irgendwas groß Hoffnungen gemacht hatte, war dann die Enttäuschung groß. Sich über irgendwas groß Gedanken zu machen, gewöhnte er sich in dem Zuge dann auch gleich ab.


Für die langen Sätze und die dicken Bücher hatte er auch schon keine Geduld und keinen Sinn mehr. Zum Punkt kommen! Er wollte nur noch zum Punkt kommen, aber der ganze Scheiß ging einfach immer weiter und weiter.


Schon als Kind mochte er keine Clowns, den lustigen nicht und den traurigen schon gar nicht. Später entdeckte er für sich den zerlumpten, mürrisch versoffenen Clown; den mochte er, dem konnte er was abgewinnen.


Geduldig und gleichmütig steht er in der langen Schlange vor der einzig offenen Supermarktkasse. Er stellt sich einfach vor, er wartet auf den Tod. – Was er letztendlich ja auch tut.


Damals, Samstagabend in der Dorfdisko, wir waren 15, 16 Jahre alt und nur die Softdrinks und die wilden Geschichten von den Großstadtdiskos, die wir uns vom Hörensagen erzählten, sorgten für etwas Unterhaltung. Und den Dorfdisko-DJ verachteten wir am meisten.


Er war nicht dumm, nicht langsam im Kopf. Er besaß ein großes Talent zur Trägheit und sein Leben verlief unaufgeregt; es war ein gutes, ein schönes Leben.


Trotz seiner grundsätzlich konservativen Gesinnung gefielen ihm diese sogenannten "Emojis" von Anfang an und er machte reichlich Gebrauch davon, ließen sich doch damit seine wahren Gefühle wunderbar einfach kaschieren. 😁 😂


Seine beinahe schon asketische Genügsamkeit erwies sich dann tatsächlich als die preiswerteste und effektivste Altersvorsorge.


Damals, in den Büros, als die PCs noch weiß waren und sich allmählich graugelb verfärbten: tja, so dolle war das alles auch schon damals nicht.