Die Kluft zwischen dem, was sie sagte und dem, was sie tat, ließ sich irgendwann auch nicht mehr mit Wohlwollen und Nachsicht überbrücken und so reduzierte er sein Interesse an ihr wieder nur aufs rein Körperliche.
Als Rentner sitze ich dann morgens um 10 in so einem Bäckerei-Café, schlürfe Kaffee und schlage ostentativ die BILD auf. Ab und an schüttel ich konsterniert den Kopf und brabbel irgendwas vor mich hin. Das wird ein Spaß!
Mit der Erwartungshaltung eines 20jährigen ins Wochenende starten, um dann innerhalb weniger Stunden um 40 Jahre zu altern.
Und mit einmal merkst du, dass beim Zähneputzen überm Waschbecken gebeugt was wackelt an deinem Torso und dir wird klar, jetzt bist du also fett, weil du bist ja keine Frau.
Er schmückt sich gern mit einem beißkräftigen Hund an seiner Seite, da es ihm selbst an entscheidender Stelle ganz erheblich an Biss fehlt. Aber in dem Milieu, in dem er sich bewegt, fällt das nicht weiter auf.
Die Erwartungshaltung hat ihn oft enttäuscht und ihm im Grunde immer nur Probleme bereitet. Er probiert es jetzt mal mit der Entspannungshaltung.
So dermaßen krass wie er drauf war, so krass zeigte er dem Leben den Mittelfinger, aber das Leben zeigte sich sichtlich unbeeindruckt und ließ ihn mal machen.
Sehr von sich überzeugt sprach er immer davon, sich unter allen Umständen treu zu bleiben und sich niemals verbiegen zu lassen, und tatsächlich schaffte er es in all den Jahren sich nicht weiterzuentwickeln.
Seine erste richtige Beziehung hatte er wegen einer grell geschminkten Tresenschlampe kaputt gemacht. Und dann ging das mit dem Kaputtmachen munter weiter, denn er war jung und arrogant und so ein Trümmerfeld ein Heidenspaß.
Was war ich mit Anfang 20 für ein Dummkopf! - Und was konnte ich glücklich sein!
Im säuerlichen Mief seiner Wochenendverwahrlosung pendelt er zwischen Sofa und Bett, zwischen Kater und Suff. Montagmorgen ist er dann wieder geduscht, frisiert und pünktlich und die Büroleiterin fragt formell, ob er denn ein schönes Wochenende gehabt hat.
Solange nur niemand an seine Tür klopfte, war er mit sich und der Welt im Reinen.
Mit Ende 20 doch noch den bürgerlichen Weg einschlagen oder nicht - das war dann die Frage. Das wütende Geschick erdulden oder lieber weiter schlafen?
Sonntag, 28. März 2021
Montag, 15. März 2021
Als er dann endlich fertig war und nichts mehr zu tun hatte und so auf dem Sofa saß, ohne etwas zu tun zu haben und ihm auch nichts einfiel, was er hätte tun können und sich gerade eine wohlige Zufriedenheit in ihm breit machte, hörte er auch schon ihre energischen Schritte.
Als dann allerorten der Spaß ausgerufen wurde, alles spaßig sein musste, auch das Lernen, vor allem das Lernen, und natürlich auch die Arbeit, als all das jetzt gehörig Spaß machen musste, ja, da musste einem ja der Spaß vergehen.
Als junger Mann saß ich öfters mitten in der Nacht betrunken in Küchen mir völlig fremder Wohnungen und habe da getrunken, manchmal sogar allein. Es war irritierend, aber es war mir egal, solange es da was zu trinken gab.
Inzwischen macht er sich mit dem Bild von ihr, das er in seinem Portemonnaie trägt und bei jeder Gelegenheit herzeigt, vor allem nur noch selbst was vor.
Natürlich waren Onkel Bernhards Geschichten maßlos übertrieben oder ganz erfunden, aber ihn als Hochstapler oder Lügner zu bezeichnen, wird ihm nicht gerecht. Er wollte unterhalten und nicht überzeugen.
Es fiel ihm nun mal nicht leicht, einen anderen Menschen in sein Leben zu lassen. Was hat man denn schon groß außer seinem Leben?
Dumm war er. Und lauthalsig. Und die Lauthalsigkeit verlieh der Dummheit noch Nachdruck und umgekehrt. So polterte er durch ihr Leben und sie waren eingeschüchtert und machtlos.
Sonntag, 7. März 2021
Je ernster es einem mit seinem Rumgemecker ist, desto alberner wird's.
Oh, der frühe Vogel hat sich Würmer eingefangen.
Als er dann die Erfahrung machen musste, dass Frauen genauso dumm und aggressiv wie Männer sein können und er sich vor ihnen genauso in Acht nehmen sollte, war die Gleichberechtigung wieder mal ein Stück weit mehr in seinem Kopf angekommen.
Hartmut G., die "olle Gefühlsgarnele", war nun mal kein Mann der großen Worte und großen Gesten. Er war pragmatisch und zuverlässig, und das war besser. Fand auch seine Frau.
Aber Lena A. bestand mit Nachdruck darauf, nicht gedankenlos, sondern gedankenvertieft gewesen zu sein. - Doch weder die Richterin noch den Staatsanwalt, ja nicht mal ihren Verteidiger schien dies sonderlich zu beeindrucken.
Sonntag, 28. Februar 2021
Als ob diese Leute, die mir sagen, ich sei zu nichts nütze, sich jemals mit dem Nichts befasst hätten!
"Ja, ich weiß, Schatz, mach ich, Schatz. Ja, sofort.", sagt er und sie weiß, eigentlich will er ihr ganz was anderes sagen und vor allem deswegen verachtet sie ihn so.
"Ach ja!? Bei dir hängt auch so einiges und ungeduscht riechst du übrigens wie 'n vollgepisstes Couchkissen!" Dass sie sich in ihrer Ehe nach all den Jahren zu mehr Ehrlichkeit durchgerungen hatten, verlieh auch ihrer Wortwahl einen ungeahnten Pep.
Als er dann endlich merkte, dass auch das Sichzurückhaltenkönnen glücklich und stolz macht, eröffneten sich ihm ganz neue, angenehme Wege und Perspektiven.
Damals tauschte ich den kleinbürgerlichen Mief meines Elternhauses gegen den ganz realen Mief einer billigen, verwahrlosten Großstadtbude und ich hatte die beste Zeit meines Lebens.
Montag, 15. Februar 2021
Immerzu versuchte er zu glänzen, das war ganz schön ermattend.
In dem Rollcontainer unter seinem Schreibtisch hatte er Hustenbonbons, ein Paar Birkenstocksandalen und eine gebogene Büroklammer für die Ohrenschmalzbeseitigung deponiert. Er war in seinem Job angekommen.
Sie liebt es, wie in diesen Sitcoms Konflikte durch banale Geständnisse und versöhnliche Hintergrundmusik aufgelöst werden. Dass im realen Leben Konflikte einfach nur permanent durch neue Konflikte verdrängt werden, findet sie vom Prinzip her aber auch ganz okay.
Ruhe geben, als Geschenk.
Damals, als Kind sprach er vor dem Schlafen immer noch brav sein Nachtgebet für eine selige Nachtruhe. Etwas älter onanierte er stattdessen, das war effektiver. Und jetzt wird er wohl bald wieder beten.
"Würdest du ...?"
"Nein!"
"Magst du ...?"
"Nein!"
Er liebte seine mürrischen Selbstgespräche, sie gaben ihn ein Gefühl von Souveränität.
Hin und wieder drückten sich bei seiner 62jährigen Arbeitskollegin am Schreibtisch gegenüber die Brustwarzen durch den Pullover und auch sonst deprimierte ihn sein ganzes Arbeitsumfeld immer mehr.
Sonntag, 7. Februar 2021
Allen, einschließlich ihm selbst, war klar, dass man ihn für den Betrieb nicht mehr brauchte, doch ließ man ihn in Ruhe, solange er nur mitspielte und professionell Beschäftigung vortäuschte. Er gehörte schließlich nicht zum Fußvolk.
Seine Chefin ermahnte ihn, mehr Begeisterung zu zeigen. Immerhin sagte sie zeigen und nicht empfinden oder aufbringen. Aber so oder so fühlte er sich längst zu alt für dieses ganze Getue.
Laut und völlig überdreht erzählte Elena N. dem Herrn S. ein im Grunde völlig banales Wochenenderlebnis und Herr S. empfand tiefe Dankbarkeit für seine eigene unaufgeregte Wirklichkeit.
Er legte großen Wert auf große Markenlogos auf seiner Kleidung und auch sonst war nicht viel mit ihm los.
Enttäuscht und entnervt fragte ihn seine Frau, ob er denn überhaupt noch für irgendetwas zu begeistern sei. Als er ehrlich und besonnen antwortete: für Ruhe und Gelassenheit, wurde sie so richtig borstig.
Manchmal erkannte auch er die Zeichen die Zeit, aber ihn interessierte das Zeitlose oder Unzeitgemäße. Die Zeichen der Zeit, das war was für miese, kleingeistige Spekulanten.
Seinen Seelenfrieden fand er bereits in Kleinigkeiten, für ihn war ohnehin alles keine große Sache mehr.
Die für ihre Tratschlust bekannte Kollegin Elena N. sieht es kritisch, dass das Kollegium im Pausenraum nur noch auf Smartphones starre, statt miteinander zu reden. Dies sei eine äußerst bedenkliche Entwicklung, gibt sie zu bedenken.
Sonntag, 31. Januar 2021
Betrunkene Krakeeler auf der Straße bringen mich jedes Wochenende um meine Nachtruhe. Oft auch während der Woche. Gibt es so was wie ausgleichende Gerechtigkeit, zahle ich gerade für meine Jugend.
Die Lästernden sind im Grunde dankbar, wenn man ihnen nicht zustimmt. Man möchte in seiner Lästerei nicht bestärkt werden; es sei denn, man ist durch und durch boshaft.
Wegen jeder Kleinigkeit musste Heinrich R. immer gleich ein Fass aufmachen. Wirklich jeder Anlass kam ihm gerade recht, um einen zu heben.
klar kann man sich das Leben schön saufen, aber schön ist das nicht, aber immerhin
Bis über seinen Tod hinaus wusste Inge G. nie, was sie von ihrem Onkel Winfried G. eigentlich halten sollte, und so sagte sie immer, wenn das Gespräch auf ihn kam: ja ja, der Winfried, das war schon einer.
Der in die Jahre gekommene Popstar verachtete seine alten Hits und verwurstete sie auf Konzerten in ein schmieriges Medley. Das in die Jahre gekommene Publikum war zufrieden und klatschte geordnet mit.
Bei so vielem hatte man ja immerhin die Vorfreude.
Dienstag, 26. Januar 2021
Betrunken und geistreich, das konnte durchaus mal vorkommen, aber meistens wurde er nur betrunken und das reichte ihm, denn er war genügsam und ohne Eitelkeit.
Statt die innere Unruhe zu bekämpfen, ließ er sie einfach machen. Sie tobte umher wie ein überdrehtes Kleinkind und er setzte sich und schaute amüsiert zu.
Es ist herz- und witzlos, permanent witzig sein zu wollen.
Erst romantisiert, dann auch noch verkitscht; der Liebe hat man damit keinen Gefallen getan. Kein Wunder, dass sie sich nur noch selten blicken lässt.
Tja, irgendwann ist die Luft nun mal raus: nach all der Aufgeblasenheit nur noch runzelige Schlaffheit. Der Mensch ist ein Luftballon.
Montag, 25. Januar 2021
Im Dunkeln ging er zur Arbeit, im Dunkeln kam er wieder heim und wenn er dann im Schlafzimmer das Licht ausmachte, wusste er schon nicht mehr, was er den ganzen Tag überhaupt gemacht hatte.
In der Tasche eines alten Sakkos, das er schon lange nicht mehr getragen hatte, fand Herr S. einen alten Kassenbon. Er gab ihm den Namen Bon Jovi. Für die gleichnamige Musikkapelle hatte er hingegen noch nie etwas übrig.
auch bei anspruchsvoller Musik kann man sich dumm und dämlich saufen
All die Jahre Gespräche übers Wetter, immer wieder Wetter, Wetter, Wetter. Und Krankheiten. Und Backrezepte. Er kam da nicht gegen an, war nur noch müde, permanent müde.
Müde von Wetterfühligkeit, sagte sie.
Die Menschen begehren das, was sie in Filmen sehen. Es ist so billig wie effektiv, es ist beängstigend.
Aasendes Getier schart sich um den Rest des gefiederten Haufens. Ich, zentralheizungswattiert, mache den Kühlschrank auf, Marke Privileg.
In seiner Kindheit und Jugend bekam er ständig zu hören, wie existenziell wichtig Geist und Kultur sind. Erst als er sich auf dem Arbeitsmarkt als überstudierter Geisteswissenschaftler wiederfand, dämmerte es ihm.
Freitag, 22. Januar 2021
Nach Schließung der Dorfkneipe, des Dorfladens und des Dorffrisörs spielte sich das öffentliche Leben noch auf dem Dorffriedhof ab.
Unser Dorfdealer hatte damals so seine "Konnekschöns", über die er sich gern großspurig ausschwieg.
Als es in den Dörfern noch Dorfkneipen gab, gab es auch immer was zu erzählen. Jetzt tratscht man über Verborgenes.
In der Dorfschule wurden damals alle Dorfkinder gemeinsam in 4 Klassenstufen unterrichtet. Erst nach der 4. Klasse trennte man die Kinder wohlhabender Eltern von denen der weniger wohlhabenden.
Der Dorfquerulant zog in die Stadt und wurde Aktivist.
Die Dorfjugend traf sich damals an der Bushalte.
Nein, die Bushalte stand nicht symbolisch für die Sehnsucht nach Aufbruch und Ferne. Dort stand eine Bank und es war überdacht.
Der Dorftrinker in meiner Kindheit hieß Erwin T. Sein Alkoholismus war Teil der öffentlichen Unterhaltung. Heutzutage gibt es hier keinen Dorftrinker mehr, dafür aber RTL2.
Der DJ der Dorfdisko kam von irgendwo außerhalb und sein Repertoire an Schallplatten und flotten Sprüchen war auf fast schon zynische Art und Weise äußerst begrenzt.
Montag, 11. Januar 2021
Mit der Vernunft ist es nicht weit her, der Körper mit seinen Befindlichkeiten leitet dir den Weg und irgendeine Erkrankung gibt dir dann irgendwann den Rest. Der Mensch sollte runter von seinem hohen Ross.
Dasitzen, das Jetzt ertragen und plötzlich laut loslachen müssen. So kanns gehen.
Selbstironie befreit und ist der Schlüssel zum Herzen der Menschen. Aber viel lieber macht man sich mit seiner Eitelkeit das Leben schwer.
Aber der Mensch ist allzu oft ein gieriger Idiot.
Kleine Arschlöcher mit ihrer von sich gegebenen Scheiße bitte kommentarlos auflaufen lassen! Vielen Dank. - Die großen lassen sich so womöglich auch mal weg ignorieren.
Holger 'Holgi' O. trug alle Tage T-Shirts mit humoristischem Aufdruck. Gern hätte er mal eine Frau rumgekriegt, aber niemand sagte es ihm.
Um ihren Alkoholismus zu vertuschen, kaufte sie zu ihrem Wein immer auch eine Glückwunschkarte. Die Kassierer*innen wussten natürlich Bescheid, gaben sich aber ahnungslos und schenkten ihr jedes Mal ein freundliches Lächeln. Was sollten sie auch sonst tun?
Nicht zuletzt wegen der vielen spöttischen Bemerkungen bzgl. seines Namens etablierte Hr. Ernst Fröhlich im Laufe der Zeit seinen unerschütterlichen Gleichmut.
Sogar das Liegengelassene, das sich durch das Liegenlassen längst erledigt hatte, lag bei ihm noch lange rum.
Schon sehr früh stand er lieber abseits und schaute nur zu und als dann im Kindergarten und in der Schule dieser Mitmachzwang über ihn hereinbrach, war's endgültig aus.
Sonntag, 10. Januar 2021
Mein Opa sagte immer "alle in einen Sack, Knüppel druff, triffstde keinen Falschen", wenn es um arbeitsscheue Hippies, rauchende Frauen oder sonstige Linke ging. Nein, mein Opa war keiner dieser warmherzigen, verständnisvollen Kuschelopas.
Damals, als das Fernsehen noch was war, da liefen noch eindeutig abwechslungsreichere Wiederholungen.
Und so sprach der Herr: Am dritten Tag in Folge aber ist auch die schönste Schlemmerei und Sauferei nur noch ein Akt der Trostlosigkeit.
Ja, so sprach er daher und so richtete er es auch ein, der olle Miesepeter.
Zeitlebens nahm er sich stets ernst und wichtig und so war er denn trotz all seiner Reichtümer nur ein armer Wicht.
Altersresigniert bestellte sich Gerhardt D. diesmal ein alkoholfreies Bier und der sonst so verkniffene Mund seiner Gattin Gerda verzog sich prompt zu einem triumphierenden Grinsen.
Ausrufezeichen sind unsympathisch!
Ihr Geltungsbedürfnis war enorm und alles, was sie tat, tat sie mit lautem Gepolter und strenger Miene. Sie war ein ganzer Kerl und niemand mochte sie.
Seine Eloquenz ist selbstverliebt und schwatzhaft. Floskeln werden umso abstoßender, je geschliffener sie daherkommen.
Freitag, 1. Januar 2021
Der faule Hund ist faul aus naturgegebener Vernunft; er ist satt und hat es warm. Der Mensch in gleicher Lage hingegen zieht es vor, unzufrieden zu sein.
Je länger man sich ans Alleinsein gewöhnt, desto schwieriger wird's.
Die nach der Pandemie wieder einsetzende soziale Distanzlosigkeit ließ ihn ein ums andere Mal erschaudern und so suchte er wieder Zuflucht in der längst liebgewonnenen Zurückgezogenheit.
Wenn die Leute einen ständig fragen, wie es einem geht, sollten sie sich nicht wundern, wenn einem das Lügen zur Gewohnheit wird.
Der ewige Kneipenhocker Knut W. träumte noch von einer krassen Karriere als krasser Dartprofi. Alle anderen Träume waren in "Michi's Dart-Eck" längst ausgeträumt.
Unter Alkoholeinfluss unterliegt man immer wieder so mancher Fehleinschätzung, vor allem die eigene Tiefsinnigkeit, Witzigkeit und Unwiderstehlichkeit betreffend. Und dann gibt es noch die Kandidaten, die dafür nicht mal Alkohol benötigen.